Die große Fahrt zu Oma
Alexis legte ihr Kissen ans Fenster. Es rutschte weg. Sie zog es zurück. Es rutschte wieder. Acht Stunden bis zu Oma, hatte Papa gesagt. Acht Stunden klangen wie ein Berg ohne Treppe.
Jonas saß neben ihr im Kindersitz. Er hatte beide Hände an der Scheibe. Seine Finger machten fünf kleine Monde im Beschlag.
„Nicht alles anfassen“, sagte Mama vorn.
Jonas sagte: „Brumm.“
Da kam der erste Lastwagen.
Er war grün. Über der Ladefläche lag eine graue Plane. Die Plane war mit roten Gurten festgezurrt, aber eine Ecke flatterte, als wollte sie weg. Hinten klebte ein gelbes Schild mit einem schwarzen Bild. Alexis beugte sich vor. Der Gurt schnitt ihr in die Schulter. Sie blieb trotzdem so.
„Da drin ist etwas“, sagte sie.
„Dino“, sagte Jonas sofort.
„Vielleicht. Aber Dinosaurier fahren nicht unter Planen. Außer sie dürfen nicht niesen.“
Jonas riss den Mund auf. „Haaatschi!“
Papa lachte. Der Lastwagen zog vor ihnen her. Die Plane hob sich wieder. Nur eine Handbreit. Dunkel darunter. Etwas Eckiges. Etwas Weißes.
Alexis drückte die Nase an die Scheibe. „Ich muss das Schild lesen.“
Sie wischte mit dem Ärmel über das Fenster. Der Beschlag verschmierte. Das Schild wurde gelb, dann grau, dann war der Lastwagen auf der rechten Spur und ein roter Bus schob sich dazwischen.
Erster Versuch: verloren.
Der Bus hatte Vorhänge, die nicht ganz zugezogen waren. In einem Fenster klebte eine Papierkrone falsch herum. Ein Junge hielt sie fest und gähnte.
„Der Bus fährt zu einem König, der seine Krone verloren hat“, sagte Alexis. „Alle Kinder müssen helfen suchen.“
Jonas klopfte gegen die Scheibe. „König!“
„Nicht klopfen“, sagte Mama.
Jonas flüsterte gegen das Glas: „Kö-nig.“
Alexis merkte sich die Krone. Wenn ein Bus keine Stadt vorne stehen hatte, sondern nur Sonderfahrt, dann durfte man alles vermuten. Vielleicht fuhr er zu einem See ohne Wasser. Vielleicht zu einem Haus mit hundert Betten. Vielleicht zu demselben Geheimnis wie der grüne Lastwagen.
Die Autobahn zog weiter. Schilder kamen und gingen. Jonas machte jedes Geräusch nach, das größer war als ihr Auto. „Wumm.“ „Pfff.“ „Brrra.“ Seine Sandale fiel ab. Alexis hob sie auf. Dann fiel ihr Stift runter. Jonas zeigte mit dem nackten Zeh darauf, als wäre der Zeh ein Pfeil.
Nach zwei Stunden schlief Alexis’ linkes Bein ein. Es kribbelte bis in den kleinen Zeh. Sie trat gegen nichts. Der Sitz trat zurück.
„Aua“, sagte Jonas, obwohl sie ihn nicht getroffen hatte.
„Entschuldigung, Herr Wächter“, sagte Alexis. „Ich brauche meine Beine für Ermittlungen.“
Dann bremste Papa.
Alle Autos bremsten.
Die ganze Autobahn stand.
Vor ihnen blinkten rote Lichter. Rechts stand ein Wohnmobil mit Fahrrädern hinten dran. Auf einem Fahrrad hing ein einzelner gelber Gummistiefel. Kein zweiter. Links saß eine Frau in einem kleinen blauen Auto und fütterte einen Hund mit etwas aus einer Brotdose. Der Hund trug ein Tuch, auf dem Sterne waren.
„Stau“, sagte Papa und tippte auf das Navi.
„Wie lange?“ fragte Mama.
„Zwanzig Minuten. Vielleicht mehr.“
Alexis nahm ihr Heft aus dem Rucksack. Sie hatte es eigentlich für Oma eingepackt, damit Oma ihre Pferdezeichnungen sah. Jetzt schrieb sie oben auf die Seite: Geheimnisse der Autobahn.
1. Grüner Lastwagen: Was ist unter der Plane?
2. Bus ohne Ziel: Wohin fährt die Krone?
3. Ein Gummistiefel allein: Wo ist der zweite?
Jonas griff nach dem Heft. „Ma!“
„Nein, das sind Beweise.“
Er zog fester. Die Seite knickte.
Alexis hielt fest. Jonas hielt fest. Das Heft machte ein müdes Geräusch.
„Jonas“, sagte Mama.
Jonas ließ los. Alexis sah die geknickte Ecke. Genau dort hatte sie das gelbe Schild gemalt. Der Knick sah aus wie eine Flügelspitze.
Flügel.
Alexis schaute nach rechts. Zwischen Bus und Wohnmobil tauchte der grüne Lastwagen wieder auf. Er stand drei Autos weiter. Die Plane bewegte sich nicht. Auf dem gelben Schild war jetzt mehr zu sehen: ein schwarzes Tier mit Streifen.
„Keine Dinos“, sagte Alexis.
Jonas presste beide Hände an die Scheibe. „Biene!“
Das Wort kam klein heraus. Aber es passte auf einmal in alles hinein. Das gelbe Schild. Das schwarze Bild. Die weißen eckigen Dinge unter der Plane.
„Vielleicht Bienenhäuser“, sagte Alexis leise. „Aber warum fährt man Bienen auf der Autobahn?“
Der Stau rollte an. Der Lastwagen rollte auch. Alexis wollte winken. Sie hob die Hand. Der Fahrer sah nicht her. Neben seinem Spiegel hing ein kleines Schild: Nicht klopfen.
„Bienen mögen kein Klopfen“, sagte Alexis.
Jonas zog die Hände sofort von der Scheibe weg und legte sie auf seinen Bauch.
Die Autos krochen weiter. Dann fuhren sie wieder schnell. Das Geheimnis war noch nicht fertig. Alexis hatte nur ein Stück davon.
Bei der Raststätte mussten alle raus. Papa streckte den Rücken, als wäre er zu lang für sich selbst geworden. Mama suchte die Wasserflaschen. Jonas wollte nicht warten. Er zeigte auf den Boden.
„Da!“
„Was da?“ Alexis folgte seinem Finger.
Neben dem Reifen lag ein winziges gelbes Kügelchen. Dann noch eins. Dann eine Spur, die über den Parkplatz führte. Nicht rund wie Bonbons. Staubig. Klebrig. Jonas ging in die Hocke, so tief, dass seine Windel fast seine Schuhe berührte.
„Nicht anfassen“, sagte Alexis schnell.
Jonas hielt den Finger in der Luft. Er zitterte vor Anfassen-Wollen.
Die Spur führte zu einer Parkbucht. Dort stand der grüne Lastwagen.
Alexis blieb stehen. Mut machte ihre Füße schnell, aber ihr Bauch zog den Gürtel eng. Sie ging trotzdem näher, bis sie die roten Gurte sah. Unter der Plane standen weiße Kästen in Reihen. Jeder hatte ein kleines Loch vorne. An einem Kasten klebte gelber Staub.
Der Fahrer kam mit einem Kaffee zurück.
Alexis trat einen Schritt zurück. „Entschuldigung. Sind das Bienen?“
Der Mann nickte. „Bienenstöcke. Sie ziehen heute um. Zu einem Feld mit Sonnenblumen.“
„Warum nachts nicht?“
„Heute ist der Weg weit. Und im Stau war es warm. Darum halte ich hier im Schatten.“
Jonas zeigte auf das Kügelchen.
„Pollen“, sagte der Fahrer. „Nicht essen.“
Jonas steckte den Finger in den Mund, aber ohne Pollen. Nur zum Nachdenken.
Alexis schrieb später im Auto: Lösung 1: Bienen auf Reisen. Nicht klopfen. Sonnenblumen warten.
Der Bus stand auch an der Raststätte. Die Kinder mit der Papierkrone liefen zum Klohäuschen. Auf ihren T-Shirts stand Jugendchor. Einer summte, während er rannte.
„Kein König“, sagte Alexis.
Jonas sagte: „Singen König.“
„Vielleicht doch ein bisschen.“
Wieder im Auto wurde alles weicher. Die Straße flimmerte. Jonas’ Kopf kippte nach links, dann nach rechts. Alexis hielt ihr Heft offen, aber die Buchstaben wurden lang wie Spaghetti. Mama drehte die Musik leiser. Papa sagte: „Noch eine Stunde.“
Eine Stunde war jetzt klein. Fast handlich.
Draußen wurden die Schilder anders. Die Orte klangen nach Oma. Felder kamen näher an die Straße. Ein Traktor fuhr auf einer Brücke und verschwand, bevor Jonas „Trak“ fertig sagen konnte.
Alexis wollte wach bleiben. Ihre Augen fielen zu. Sie riss sie wieder auf. Das nächste Geheimnis durfte nicht ohne sie anfangen.
Dann bog Papa ab. Der Wagen holperte über eine schmale Straße. Kies knackte unter den Reifen. Jonas hob den Kopf. Sein Haar klebte an einer Seite.
„Da“, sagte er.
Omas Haus tauchte hinter der Hecke auf. Am Gartentor hing ein rotes Band. Nicht fest. Nur einmal geknotet. Dahinter stand Omas alter Schuppen, und vor der Tür lag ein einzelner gelber Gummistiefel.
Alexis stieg aus. Ihre Beine wackelten. Sie nahm das Heft mit. Auf der nächsten leeren Seite blieb ihr Stift schon über dem Papier stehen.




