Papas Heimatstadt
Die kleine Stadt lag im Sommerlicht, als hätte jemand eine warme Decke über die alten Straßen gelegt. Die Häuser standen dicht beieinander. Die Fenster waren offen. Von irgendwoher kam das helle Klappern von Geschirr, und weiter hinten fuhr ein Fahrrad über Kopfsteinpflaster, klicker, klicker, klicker.
Papa ging langsam, nicht weil der Weg lang war, sondern weil jeder Schritt etwas kannte. Neben ihm ging Mama. Alexis lief erst vorne, dann wieder zurück. Mathilda hielt ein Eis in der Hand und sah sehr genau darauf, ob es an der Seite hinunterlief. Jonas, zwei Jahre alt, lief voraus, blieb stehen, zeigte auf einen Gullydeckel und sagte: Da.
Papa nickte, als sei der Gullydeckel sehr wichtig. Dann zeigte er auf die schmale Straße rechts. Hier bin ich früher gerannt. Mehr sagte er nicht.
Alexis kniff die Augen ein wenig zusammen. Mit Schulranzen? fragte sie. Papa nickte. Manchmal mit einem Brot in der Hand. Alexis lachte leise, als müsse sie sich erst daran gewöhnen, dass Papa einmal klein gewesen war. Mathilda leckte an ihrem Eis und fragte, ob es hier auch Schokoladeneis gegeben habe. Papa sagte: Ja. Aber kleiner.
Mama sah Papa von der Seite an. Er schaute auf die Häuser, als würden sie ihn noch kennen. Seine Stimme war nicht lauter als nötig. In Mamas Gesicht wurde etwas weich, wie Butter auf warmem Brot, aber sie sagte nichts. Sie ging nur ein bisschen näher bei ihm.
Sie kamen zu einem alten Spielplatz. Das Tor war grün gestrichen, aber an manchen Stellen schimmerte das Eisen darunter hervor. Die Schaukel hing noch da, zwei Bretter, zwei Ketten, genau wie früher, sagte Papa. Der Sand war hell. Ein Ball lag vergessen am Rand.
Hier hab ich mal eine Wette verloren, sagte Papa. Er setzte sich auf die Schaukel. Seine Knie waren viel zu lang dafür. Alexis lachte so sehr, dass sie sich an den Bauch fasste. Du? Auf der Schaukel? Papa stieß sich ganz klein ab. Nur ein bisschen. Die Ketten quietschten einmal, dann noch einmal, dann klangen sie schon leiser.
Jonas zeigte auf eine Ameise. Da. Für ihn war die Ameise wichtiger als die Wette, wichtiger als der Spielplatz, vielleicht sogar wichtiger als Papa auf der Schaukel. Mathilda hielt ihr Eis hoch, damit kein Sand daran kam. Mama stand am Zaun und sah zu, wie Papa vor und zurück glitt, kaum mehr als ein Atemzug weit.
Früher dachte ich, bis zum Himmel kommt man, sagte Papa. Er sagte es so ruhig, als sei der Himmel damals einfach höher gewesen.
Alexis setzte sich auf die zweite Schaukel. Sie schwang nicht hoch. Sie ließ nur die Füße durch den Sand ziehen. Ihre Zehen malten zwei weiche Linien. Jonas nahm eine Handvoll Sand, ließ ihn durch die Finger fallen und schaute, bis nichts mehr in seiner Hand war.
Dann gingen sie weiter. Die Stimmen vom Spielplatz blieben hinter ihnen. Erst hörten sie noch das Quietschen der Schaukel. Dann hörten sie nur noch ihre eigenen Schritte. Dann auch die nicht mehr richtig, weil die Straße glatter wurde und der Nachmittag sich ausdehnte.
An der Ecke stand die Bäckerei. Über der Tür hing ein altes Schild mit goldenen Buchstaben. Drinnen roch es warm und süß, nach Teig, nach Zucker, nach etwas, das schon am Morgen begonnen hatte und den ganzen Tag gewartet hatte.
Papa blieb vor dem Schaufenster stehen. Die gibt es noch, sagte er. Seine Hand lag kurz auf Jonas’ Schulter, damit Jonas nicht an die Tür klopfte. Hier wollte ich immer diese Schnecke. Er zeigte auf ein rundes Gebäck mit glänzendem Zuckerrand. Fast immer durfte ich nur gucken.
Heute bestellte Papa zwei. Eine für sich. Eine für Jonas. Jonas hielt sie mit beiden Händen, als wäre sie ein kleines Lenkrad. Er biss nicht gleich hinein. Er schaute erst, ernst und groß, und sagte dann: Rund.
Mathilda fragte, ob Eis und Schnecke zusammen erlaubt seien. Mama sagte, heute dürften Dinge nebeneinander hergehen. Alexis wollte wissen, ob Papa als Kind auch Krümel im Gesicht gehabt hatte. Papa sah sie an. Immer. Mehr nicht.
Sie setzten sich auf die niedrige Mauer vor der Bäckerei. Die Sonne lag nicht mehr so hell auf den Fenstern. Papas Schnecke klebte an seinen Fingern. Jonas hatte Zucker an der Wange. Mama nahm ihn nicht gleich weg. Sie sah Papa an, wie er kaute und dabei zu dem Schild hinaufschaute. Wieder wurde ihr Blick weich.
Die Stadt wurde kleiner. Nicht wirklich. Die Häuser standen noch da. Die Straße ging noch weiter. Aber Alexis bemerkte die fremden Türen nicht mehr alle. Mathilda sah nicht mehr in jedes Schaufenster. Jonas lief nicht mehr so weit voraus. Er blieb öfter stehen und lehnte kurz gegen Papas Bein.
Hinter der Bäckerei führte ein Weg zum alten Schulhof. Ein Zaun stand davor, höher, als Alexis gedacht hatte. Dahinter lag Asphalt. Ein Basketballkorb ohne Netz. Ein Baum, der seinen Schatten auf den Boden gelegt hatte.
Papa trat nah an die Gitter. Er legte die Finger darum. Hier war mein Schulhof, sagte er.
Alexis wartete auf eine Geschichte.
Mathilda leckte den letzten Rand von ihrem Eis.
Jonas zeigte auf einen kleinen Stein am Zaun. Da.
Papa sagte nichts mehr.
Er sah nur durch die Gitter.
Der Schulhof hatte nichts zu erzählen, solange man ihn ansah.
Oder er erzählte so leise, dass nur Papa es hörte.
Mama stellte sich neben ihn.
Ihre Schulter berührte fast seine.
Alexis stellte sich Papa als Jungen vor, mit kleineren Händen an genau diesem Zaun.
Das Bild wurde nicht ganz deutlich.
Es reichte.
Die Geräusche von der Straße kamen nur noch dünn herüber.
Ein Auto fuhr vorbei und war gleich wieder fort.
Eine Tür fiel irgendwo zu.
Danach blieb der Abend nah.
Jonas rieb sich mit der Faust über die Augen und sagte, er wolle laufen.
Papa hob ihn auf seine Schultern.
Jonas hielt Papas Haare fest, aber nicht mehr fest.
Alexis sagte, sie wolle noch nicht zurück zum Auto.
Ihre Schritte wurden kleiner.
Mathilda sagte, sie könne noch sehr weit gehen.
Ihre Hand fand Alexis’ Hand.
Sie gingen durch dieselbe Straße zurück.
Die alten Häuser waren nur noch dunkle Formen am Rand.
Papa erzählte nicht mehr.
Er trug Jonas.
Mama ging neben ihm.
Mathilda hielt Alexis’ Hand.
Alexis hielt sie auch.
Der Weg zum Auto wurde warm unter ihren Sohlen.
Jonas’ Kopf sank gegen Papas Haar.
Sein Atem kam langsam.
Warm.
Wieder.
Warm.



