Elefant Ella und das letzte Wasserloch
Die Sonne stand hoch über der Savanne. Der Boden brannte unter Ellas breiten Füßen, und ihre Ohren schlugen hin und her, doch keine Kühle kam darunter hervor.
Ella ging langsam. Staub klebte an ihren Beinen. Ihr Rüssel hing tief und strich manchmal über die trockene Erde, als könnte dort noch ein feuchter Streifen liegen.
Vor ihr lag das letzte Wasserloch.
Es war kleiner als am Morgen. Der braune Schlamm am Rand war breiter geworden. Das Wasser zog sich in die Mitte zurück, rund und flach, wie ein dunkles Auge zwischen rissiger Erde.
Ella stellte einen Fuß an den Rand. Der Schlamm quetschte warm zwischen ihre Zehen. Sie senkte den Rüssel.
Sie trank nicht sofort.
Ein paar Perlhühner standen auf dünnen Beinen am Ufer. Ihre Köpfe zuckten vor und zurück. Ella zog den Rüssel wieder hoch und trat einen Schritt zur Seite. Die kleinen Vögel liefen heran, pickten, schluckten, pickten wieder.
Dann senkte Ella den Rüssel erneut. Die Spitze berührte das Wasser. Ein dünner Kreis lief davon.
Hufe klapperten über harte Erde.
Zebra Streifi kam aus dem flimmernden Gras. Seine Streifen zitterten über den Rippen, wenn er atmete. Er blieb stehen, warf den Kopf hoch und schnaubte Staub aus den Nüstern.
Ella hob die Ohren.
Streifi machte drei schnelle Schritte. Dann sank ein Vorderhuf tief in den Schlamm. Er riss das Bein heraus. Braune Tropfen spritzten gegen seine weißen Fesseln. Er sprang zurück und stampfte auf trockenen Boden.
Sein Maul öffnete sich. Die Lippen zogen sich über die Zähne.
Ella tastete mit dem Rüssel am Rand entlang. Hier war der Schlamm weich. Dort war er fest. Sie drückte ihren Fuß in eine flachere Stelle und schob Erde beiseite. Ein kleiner Pfad entstand, breit genug für schmale Hufe.
Streifi kam wieder. Langsam. Ein Huf. Dann der nächste. Er streckte den Hals so weit, dass seine Mähne schief stand, und trank in schnellen Zügen.
Ella stand dicht daneben. Ihr Rüssel kringelte sich über dem Wasser, sank aber nicht hinein.
Die Sonne drückte weiter.
Am Nachmittag war das Ufer näher gerückt. Dort, wo Ella am Morgen gestanden hatte, lag nun trockener Schlamm mit hellen Rissen. Das Wasser war nur noch eine flache Schale. Jeder Tritt machte den Rand breiter und das Dunkle in der Mitte kleiner.
Ella stieß ihre Stoßzähne in den Boden am Rand.
Sie drückte. Sie schob. Sie stemmte die Stirn nach unten, bis Staub auf ihre Wimpern fiel.
Der Boden gab nicht nach.
Noch einmal.
Ihre Stoßzähne kratzten über harte Lehmhaut. Der Rüssel grub in der Rille und holte nur warme, klebrige Erde heraus. Kein klares Wasser stieg nach. Ella blies die Erde fort. Sie fiel in kleinen Klumpen zurück.
Sie blieb stehen. Ihre Ohren hingen einen Atemzug lang still.
Dann kam ein tiefer Laut über die Ebene.
Nicht laut. Nicht nah. Aber schwer.
Streifi hob den Kopf. Wasser lief ihm vom Kinn. Die Perlhühner erstarrten. Ihre dünnen Hälse wurden lang.
Löwe Leo trat aus dem gelben Gras.
Seine Mähne lag flach an seinem Hals. Seine Zunge hing seitlich aus dem Maul. Jeder Schritt setzte eine Pfote kurz auf den heißen Boden und hob sie gleich wieder.
Er blieb weit vom Wasser stehen.
Ella wandte sich zu ihm. Ihr Körper füllte den schmalen Weg. Ihr Rüssel hob sich halb. Streifi wich zwei Schritte zurück, doch seine Hufe blieben im Pfad.
Leo senkte den Kopf. Kein Sprung kam aus seinen Schultern. Kein Ruck lief durch seinen Schwanz. Nur die Zunge glitt über seine trockene Nase.
Der Wind trug warmen Staub zwischen ihnen hindurch.
Ella stand sehr still.
Ihr Rüssel lag über dem letzten dunklen Wasser. Die Spitze zuckte. Dann zog sie ihn zurück, langsam, bis er gegen ihre Brust fiel. Sie setzte einen Fuß nach hinten. Noch einen.
Der Weg war frei.
Leo kam nicht schnell. Seine Tatzen sanken am Rand ein. Er hielt an, zog eine Pfote heraus und setzte sie auf den festen Streifen, den Ella gemacht hatte. Am Wasser legte er sich nicht hin. Er beugte nur den Hals und leckte flach von der Oberfläche.
Streifi trank auf der anderen Seite. Zwischen den Streifen und der Mähne lag nur noch ein schmaler Spiegel.
Ella blieb im Staub.
Ihre Ohren schlugen wieder, schwer und langsam. Der Wind darunter war warm. Sie schob mit dem Rüssel eine kleine Schlammkante glatt, damit die Perlhühner nicht hineinrutschten. Ein Vogel pickte an einem feuchten Tropfen auf ihrem Fuß.
Als die Sonne tiefer sank, war das Wasser kaum größer als Ellas Fußabdruck. Der Schlamm glänzte breit darum herum. Streifi hob den Kopf und ließ Leo Platz. Leo trat zurück und ließ die Perlhühner hinein. Ella senkte den Rüssel nur bis zum Rand und saugte einen kleinen Schluck aus einer Vertiefung, die schon fast leer war.
Dann hielt sie inne.
Ihr Rüssel stieg.
Er tastete nicht nach Schlamm. Er hob sich höher, über Streifis Ohren, über Leos Mähne, in die heiße Luft.
Von weit her kam ein anderer Geruch. Nass auf Staub. Dunkle Erde unter trockener Haut.
Ella drehte sich zur fernen Ebene. Am Himmel lag eine graue Linie. Noch fiel kein Tropfen. Doch ihr Rüssel blieb oben, und an ihren Füßen glänzte der letzte Schlamm, den alle Tiere berührt hatten.




