Hitze am Gardasee
Anna merkte schon am Kiesweg, dass etwas nicht stimmte. Vor dem kleinen Bungalow stand ein dunkelblauer Fiat mit offenem Kofferraum. Auf dem Dach lag ein Strohhut, als hätte jemand ihn dort vergessen und die Sonne ihn festgenagelt. Aus der offenen Tür drang das Summen eines Ventilators, der mehr Lärm als Luft machte.
Sie stellte ihren Rollkoffer ab. Der Griff war heiß geworden, und ihre Handfläche zeigte einen roten Streifen. Vierzig Grad, hatte die Frau an der Rezeption gesagt, während sie mit einem Prospekt fächerte. Kein anderes Zimmer frei. Kein Appartement, kein Campingfass, kein Abstellraum mit Matratze. Ganz Limone, vielleicht ganz der halbe See, schien in Handtüchern und Sandalen ausgebucht.
Ein Mann kam aus dem Bungalow. Er trug ein weißes Hemd, das am Rücken klebte, und hielt einen Schlüssel zwischen zwei Fingern.
„Sie suchen jemanden?“
Anna zog ihre Buchungsbestätigung aus der Tasche. Das Papier hatte an den Kanten Schweiß gezogen. „Ich suche Bungalow sieben.“
Er sah auf die kleine Messingzahl neben der Tür. Dann auf ihr Papier. Dann auf seinen Schlüssel.
„Das ist ungünstig.“
„Das ist falsch.“
Er lächelte nicht richtig, aber sein Mund versuchte es. „Ich bin Luca.“
„Das löst es nicht.“
„Nein.“ Er trat einen Schritt zur Seite, als wolle er ihr Schatten geben. „Aber es klingt weniger nach Einbruch.“
Anna sah an ihm vorbei. Ein Raum. Eine Küchenzeile. Ein Tisch mit zwei wackligen Stühlen. Eine schmale Schlafnische mit einem Doppelbett, dessen Laken in der Hitze glatt und unberührt dalag. Am Fenster hing eine Gardine aus dünnem Baumwollstoff. Sie bewegte sich nicht. Das Fenster stand schief im Rahmen, als hätte jemand es geöffnet und dann aufgegeben.
Die Frau von der Rezeption kam zehn Minuten später mit roten Wangen und zwei Flaschen lauwarmem Wasser. Sie sprach schnell, mit Händen, Schultern, Augenbrauen. Systemfehler. Doppelbuchung. Eine Woche. Tut mir leid. Morgen vielleicht, aber nein, wahrscheinlich nicht. Ferragosto. Alles voll.
Anna hörte zu, ohne zu blinzeln. Luca schraubte beide Wasserflaschen auf und reichte eine ihr, als hätte er das Recht dazu, nützlich zu sein. Sie nahm sie erst nach einem Atemzug.
„Ich schlafe im Auto“, sagte er.
„Bei der Hitze sterben Sie im Auto.“
„Charmanter als auf dem Boden.“
„Ich habe nichts von Boden gesagt.“
Er sah sie an. Seine Augen blieben nicht zu lange, aber lang genug, dass Anna bemerkte, wie hell sie waren, nicht blau, eher die Farbe des Sees dort, wo Boote den Schlamm aufwühlten.
„Also?“ fragte er.
Anna stellte die Flasche auf den Tisch. Der Kunststoff knisterte. „Wir teilen uns den Bungalow für eine Nacht. Morgen reden wir mit der Rezeption weiter. Sie nehmen das Sofa.“
Luca drehte sich zum Sofa. Es war kaum länger als seine Beine. „Ich bin sehr gut darin, klein zu wirken.“
„Üben Sie.“
Er lachte leise. Anna tat so, als hätte sie es nicht gehört.
Am Abend lag die Hitze noch auf dem Dach. Sie lag auf den Tellern, auf den Griffen der Küchenschränke, auf Annas Nacken. Das kaputte Fenster ließ sich weder ganz öffnen noch ganz schließen. Luca stand davor mit einem Taschenmesser, das er aus dem Handschuhfach geholt hatte, und beugte den alten Metallhaken zurecht. Anna hielt die Gardine weg.
„Nicht so“, sagte sie.
„Ich mache das seit drei Minuten.“
„Genau.“
Er reichte ihr das Messer mit dem Griff voran. „Bitte. Retten Sie uns.“
Sie nahm es. Ihre Finger streiften seine. Nur kurz. Das Messer war warm, seine Hand auch. Draußen schrie eine Zikade so hartnäckig, als wolle sie den ganzen See zersägen.
Anna setzte die Klinge an den verbogenen Haken. Luca trat hinter sie, nicht dicht, aber nah genug, dass sie die Seife an seinem Hemd roch, darunter Salz und den Staub der Straße. Sie bog das Metall. Es gab nach. Das Fenster sprang eine Handbreit auf, und ein Streifen Luft kroch herein.
„Sie sehen?“, sagte sie.
„Ich sehe.“
Er sagte es zu ruhig. Anna drehte sich nicht um. Im Fensterglas sah sie sein Spiegelbild, unscharf, mit gesenktem Kopf. Er sah nicht auf den Haken.
Später gingen sie zur Trattoria am Ufer, weil die Küche im Bungalow die Hitze hielt wie ein Ofen. Die Tische standen unter Platanen. Papierlampions hingen über ihnen, blassgelb, und in den Gläsern schwammen Eiswürfel, die schneller starben als Gespräche.
„Sie reisen allein“, sagte Luca, nachdem die Kellnerin Brot gebracht hatte.
Anna brach ein Stück ab. „Sie auch.“
„Ich habe zuerst gefragt.“
„Nein. Sie haben eine Feststellung als Frage verkleidet.“
Er legte beide Hände neben den Teller. Seine Nägel waren sauber, ein kleiner Kratzer zog sich über den Daumen. Vom Fensterhaken. „Dann stelle ich eine echte Frage. Warum Gardasee?“
Anna sah zum Wasser. Die Oberfläche war dunkel, aber am Rand schlug sie silbern gegen die Steine. „Weil man hier morgens schwimmen kann, bevor jemand etwas von einem will.“
Er nickte, als hätte sie nicht nur den See gemeint.
„Und Sie?“ fragte sie.
„Meine Mutter kam früher jeden Sommer hierher. Sie sagte, der See merke sich Gesichter.“
„Das klingt gefährlich.“
„Nur wenn man etwas verbergen will.“
Anna hob ihr Glas. Das Eis schlug leise an. „Dann trinken Sie besser mehr Wasser.“
Er lächelte diesmal wirklich. Sie sah es und senkte den Blick auf das Brot, als müsste sie die Kruste prüfen.
In der Nacht teilten sie den Raum mit Regeln. Anna nahm das Bett. Luca das Sofa. Zwischen ihnen stand der Tisch wie eine Grenze, darauf zwei Schlüssel, zwei Handys, eine Schale mit Aprikosen, die sie auf dem Markt gekauft hatte, weil es vernünftig war, Obst zu besitzen.
Der Ventilator drehte sich auf dem Boden und schob warme Luft von einem zum anderen. Das Fenster klapperte im Rahmen. Einmal stand Luca auf und klemmte ein zusammengefaltetes Stück Karton unter den Haken. Anna sah es durch halb geschlossene Lider. Er bewegte sich vorsichtig, barfuß, als dürfe der Boden sie nicht verraten.
„Danke“, sagte sie in die Dunkelheit.
Er blieb am Fenster stehen. „Ich dachte, Sie schlafen.“
„Ich dachte, Sie wirken klein.“
„Ich arbeite daran.“
Dann sagten sie nichts. Das Klappern hörte auf. Man hörte den See, obwohl er ein Stück entfernt lag: ein wiederholtes Schieben, ein Zurücknehmen, als übe jemand einen Satz und breche ihn jedes Mal vor dem Ende ab. Luca legte sich wieder hin. Das Sofa knarrte unter ihm. Anna drehte sich auf die Seite und sah den hellen Streifen unter der Tür. Sein Atem fand nach einer Weile einen ruhigen Takt. Ihrer nicht.
Am nächsten Morgen schwamm Anna vor sechs Uhr. Der See war noch kühl genug, um die Haut zu wecken. Sie zog lange Bahnen, bis die Bojen klein hinter ihr lagen. Als sie zurückkam, saß Luca auf dem Steg mit zwei Pappbechern Kaffee. Seine Hose war an den Knien hochgekrempelt, seine Füße hingen im Wasser.
„Ich habe nicht gewusst, wie Sie Ihren trinken.“
„Dann haben Sie geraten.“
„Schwarz. Ohne Zucker.“
Sie nahm den Becher. „Warum?“
„Sie haben gestern die Aprikosen nach Festigkeit sortiert.“
Anna trank. Der Kaffee war bitter, zu heiß, genau richtig. „Das ist keine Antwort.“
„Doch.“
Sie setzte sich neben ihn. Zwischen ihren Knien glänzte Wasser auf den Holzplanken. Ein Boot fuhr draußen vorbei, und die Welle hob erst seine Füße, dann ihre.
„Ich rede heute mit der Rezeption“, sagte sie.
„Natürlich.“
„Wir brauchen eine Lösung.“
„Natürlich.“
Das zweite Natürlich lag anders im Mund. Nicht spöttisch. Nicht zustimmend. Anna sah, wie Luca den Rand seines Bechers mit dem Daumen eindrückte, bis eine kleine Delle blieb.
„Was heißt das?“ fragte sie.
Er sah auf den See. „Dass Sie recht haben.“
„Das klingt, als wäre es nicht das, was Sie sagen wollen.“
„Ich sage oft das Falsche richtig.“
Sie hätte lachen können. Stattdessen stellte sie den Kaffee neben sich und zog die Füße aus dem Wasser.
Den Tag verbrachten sie im Bungalow, weil die Straßen flimmerten und selbst die Olivenbäume staubig wirkten. Die Rezeption bot ihnen zwei Liegen am Pool als Entschuldigung an. Anna lehnte ab. Luca sagte nichts dazu, aber später stellte er einen Krug Wasser in den Kühlschrank und legte die Aprikosen daneben, ohne sie zu fragen.
Sie las auf dem Bett einen Roman, den sie seit Monaten im Koffer herumtrug. Nach drei Seiten merkte sie, dass sie denselben Absatz zum vierten Mal begann. Luca saß am Tisch und schrieb in ein kleines schwarzes Notizbuch. Seine Schrift kippte nach rechts, dicht und ungeduldig. Wenn er nachdachte, tippte er mit dem Stift zweimal gegen den Ring seiner Wasserflasche. Nicht dreimal. Immer zweimal.
„Arbeiten Sie?“ fragte sie.
„Nein.“
„Das sieht nach Arbeit aus.“
„Dann sieht es falsch aus.“
Er klappte das Buch zu. Zu schnell. Anna sah den Abdruck des Stifts an seinem Mittelfinger. Sie fragte nicht weiter, weil sie merkte, dass sie es wollte.
Am dritten Abend kannten sie den Weg zur Trattoria ohne hinzusehen. Die Kellnerin stellte ihnen Wein hin, bevor sie bestellten. „Für den Tisch sieben“, sagte sie. Anna wollte erklären, dass sie kein Tisch waren. Luca schob ihr die Speisekarte zu, als hätte er den Satz abgefangen.
„Sie können morgen den Bungalow allein haben“, sagte er nach der Vorspeise.
Anna legte die Gabel ab. „Was?“
„Ich habe einen Freund in Verona. Vielleicht.“
„Vielleicht?“
„Ein Sofa. Ein echtes.“
Die Lampions bewegten sich kaum. Am Nebentisch lachte jemand über einen Witz, der bei ihnen nicht ankam. Anna sah auf Lucas Glas. Er hatte den Wein nicht angerührt.
„Sie wollten doch bleiben“, sagte sie.
„Sie wollten eine Lösung.“
„Das ist nicht dasselbe.“
„Nein.“
Er nahm sein Glas, trank aber nicht. Seine Hand blieb in der Luft stehen, bis er merkte, dass sie es sah. Dann stellte er es zurück.
Anna griff nach der Serviette und faltete sie einmal, zweimal, exakt über die Kante. „Wenn Sie gehen wollen, gehen Sie.“
Luca sah sie an. Der Satz hing zwischen ihnen, trocken wie die Luft über den Pflastersteinen.
„Wollen Sie, dass ich gehe?“
Sie hörte den See gegen die Mauer schlagen. Sie hörte das Besteck der anderen. Sie hörte ihren eigenen Namen in ihrem Kopf, als gehörte er einer Frau am Nebentisch.
„Ich will, dass Sie nicht so tun, als würden Sie mir einen Gefallen tun.“
Er senkte den Blick. Zum ersten Mal fiel ihm keine leichte Antwort ein. Seine Finger suchten den Kratzer am Daumen und rieben darüber, bis die Haut weiß wurde.
„Das war dumm“, sagte er.
„Ja.“
„Ich wollte nicht—“
„Doch.“
Er nickte langsam. „Ja.“
Danach gingen sie schweigend zurück. Im Bungalow schaltete Anna kein Licht an. Das Fenster klapperte wieder. Luca blieb mitten im Raum stehen, die Hände an den Seiten, zu groß für das kleine Haus, zu still für den Mann, der am ersten Tag aus jedem Satz eine Brücke gebaut hatte.
Anna nahm den Karton vom Fensterhaken, knickte ihn neu und klemmte ihn fester. Ihre Schulter streifte seine Brust, weil er nicht rechtzeitig zurückwich. Keiner entschuldigte sich. Draußen zirpten die Zikaden. Drinnen tropfte der Wasserhahn einmal, dann wieder. Luca hob die Hand, als wolle er ihr helfen, ließ sie aber sinken.
In dieser Stille stand alles: der Kaffee am Steg, die Aprikosen im Kühlschrank, der Satz, den der See nachts nie zu Ende sprach. Anna sah auf seine Hand. Der Kratzer war dunkler geworden. Sie nahm das Taschenmesser vom Tisch und reichte es ihm.
„Morgen reparieren wir es richtig“, sagte sie.
Er nahm das Messer. Seine Finger berührten ihre nicht. „Morgen.“
Am letzten Abend saßen sie wieder in der Trattoria. Die Kellnerin brachte keinen Wein, nur Wasser mit Eis und zwei Zitronenscheiben. Der Himmel über dem See blieb hell, obwohl die Gassen schon dunkel wurden. Anna trug das blaue Kleid, das sie am ersten Tag nicht hatte auspacken wollen, weil es knitterte. Luca hatte sein weißes Hemd gewaschen; am Ärmel saß ein kleiner Fleck Rost vom Fensterhaken.
Sie sprachen über die Trattoria, über die Kellnerin, die jeden Gast mit „caro“ anredete, über einen Hund, der jeden Abend unter demselben Tisch schlief. Sie sprachen nicht über Zugzeiten. Nicht über Schlüssel. Nicht über den Morgen.
„Das Fenster hält“, sagte Luca.
„Weil ich die Schraube gefunden habe.“
„Weil ich sie nicht verloren habe.“
„Sie lag unter Ihrem Schuh.“
„Ein sicherer Ort.“
Anna lächelte in ihr Glas. Luca sah es. Er sagte nichts, und sie mochte ihn in diesem Moment gerade dafür, dass er den Satz nicht berührte.
Nach dem Essen gingen sie zum Wasser hinunter. Die Steine speicherten noch die Wärme des Tages. Anna zog die Sandalen aus und stieg bis zu den Knöcheln in den See. Luca blieb am Rand stehen.
„Kalt?“ fragte er.
„Kommen Sie rein und finden Sie es heraus.“
Er zog die Schuhe aus. Beim zweiten Schuh verlor er kurz das Gleichgewicht und fasste nach ihrer Schulter. Seine Hand lag dort nur einen Atemzug. Dann fand er den Stein unter dem Fuß und ließ los.
Sie standen nebeneinander im Wasser. Kleine Wellen schoben gegen ihre Beine. In der Ferne blinkte ein Boot. Vom Dorf her klapperten Teller, und irgendwo lachte die Kellnerin laut genug, dass man sie erkannte.
„Anna“, sagte Luca.
Sie sah nicht zu ihm. „Ja.“
Er schwieg so lange, dass eine Welle kam, brach und wieder ging. Dann sagte er: „Der See merkt sich Gesichter.“
„Dann benehmen Sie sich.“
Er lachte leise. Diesmal tat sie nicht so, als hätte sie es nicht gehört.
Später, im Bungalow, legten sie die beiden Schlüssel auf den Tisch. Neben den Schlüsseln lagen das Taschenmesser, der gefaltete Karton und die letzte Aprikose, weich geworden von der Woche. Das Fenster stand offen. Es klapperte nicht mehr.
Anna löschte das Licht. Durch den Spalt der Tür fiel ein Streifen Mond auf die Fliesen. Luca saß auf dem Sofa, die Ellbogen auf den Knien, die Hände locker ineinander. Keiner sprach über morgen.
Draußen schob der See Wasser über die Steine und zog es wieder zurück. Auf dem Tisch rollte die letzte Aprikose ein kleines Stück, bis sie an Lucas Schlüssel liegen blieb.




