Die Sommerburg
Die Ringelblumen starben zuerst.
Sie standen in Töpfen an der Ostseite des Marktes. Dort starben Ringelblumen nicht im Juli. Die alten Frauen setzten sie dort seit der Zeit der Wasserfürsten, weil der Schatten der Münzhalle bis zum Mittag über die Steine fiel. Jetzt hingen die Köpfe braun an den Stielen. Der Schatten fiel nach Westen. Es war Vormittag.
Vira sah es, während sie Pflaumen aus einem Korb hob. Die oberen Früchte waren weich. Die unteren waren schwarz. Sie hatte sie bei Sonnenaufgang gekauft. Der Bauer aus Harschborn hatte seine Esel noch nicht ausgespannt. Fliegen saßen nicht auf den Früchten. Die Pflaumen gaben trotzdem nach, als hätten sie drei Tage in einem geschlossenen Wagen gelegen.
Sie legte eine Pflaume auf die Waage. Die Schale riss. Saft lief über das Messing. Der Saft dampfte nicht. Er zog sich in die Rillen, in denen noch Mehl vom Winterhandel lag.
Der Brunnen in der Mitte des Platzes klang leer. Die Kette schlug an Stein. Ein Junge zog den Eimer hoch und fand zwei Fingerbreit Wasser darin. Niemand lachte. Kinder spielten seit zwei Wochen nicht mehr auf dem Markt. Sie saßen in den Torbögen und hielten die Zungen still.
Vira strich mit dem Daumen über ihr Kassenbrett. Vierundzwanzig Kerben für verlorene Körbe. Sechs Kerben für verdorbene Käse. Drei für Salzfische, die am Morgen noch hart gewesen waren und am Abend in ihren Fässern lagen wie nasse Lappen. Sie führte genaue Listen. Händler überlebten nicht durch Hoffnung.
Eine Münze in ihrer Tasche wurde warm. Sie nahm sie heraus. Es war ein kleiner Sommerling aus Kupfer, geprägt mit dem Kopf des letzten Königs, dessen Nase alle Daumen der Stadt blank gerieben hatten. Sie hatte ihn seit dem Vorabend nicht ausgegeben. Kupfer wurde nicht von selbst warm.
Dano stand am Rand des Platzes unter dem roten Wachtuch. Er trug den Lederkragen offen. Schweiß lief nicht an seinem Hals. Seine Lippen waren rissig. An seinem Gürtel hing der Schlüsselbund der Südposten. Nur ein Schlüssel war mit Tuch umwickelt.
Vira schob den Sommerling über ihr Brett. Er hinterließ einen dunklen Kreis auf dem Holz.
Dano sah den Kreis. Er sah weg.
Sie ging zu ihm. Die Steine brannten durch ihre Sohlen. Zwischen den Marktplatten lag schwarzer Teer aus alten Belagerungszeiten. Ihre Großmutter hatte gesagt, die Stadt habe damit die Nordtoten abgewehrt. Der Teer blieb sonst auch im August hart. Jetzt klebte er an Viras Sandalen.
— Brunnen drei ist trocken, sagte sie.
— Brunnen drei war immer flach.
— Brunnen fünf riecht nach Asche.
— Brunnen fünf liegt an der alten Schmiede.
— Meine Pflaumen faulen von unten.
Dano sah über den Platz. Ein Mann vor dem Tempel der Sieben Türen faltete Pergamentfächer aus Steuerbescheiden. Die Priester hatten die Türen offen stehen lassen. Kein Wind ging hinein.
— Kauf härtere Ware, sagte Dano.
Vira nahm den Sommerling vom Brett und hielt ihn ihm hin. Er berührte die Münze nicht.
— Wer hält den Sommer fest?
Dano atmete durch die Nase. Er hatte das schon gehört. Er hatte es nicht von ihr hören wollen.
— Geh heim, Vira.
— Ich habe keinen Heimtag. Ich habe einen Stand.
— Dann bleib bei deinem Stand.
Sie sah auf den umwickelten Schlüssel.
— Die Sommerburg ist seit Wochen zu.
Sein Daumen zuckte. Mehr gab er nicht her.
Die Sommerburg stand am Stadtrand, wenn sie stand. Früher hatten die Kinder sie am letzten Markttag des Heumonds gesucht. Manchmal fanden sie nur Disteln und die alte Mauer der Kalkbrenner. Manchmal sahen sie Zinnen hinter den Feigenbäumen. Vira hatte sie als Kind einmal gesehen. Ein schmales Tor. Gelber Stein. Fenster ohne Glas. Ihre Mutter hatte sie weggezogen und ihr später die Hände mit Essig gewaschen.
Seit der Hitze stand die Burg jeden Abend an derselben Stelle.
Vira kehrte zu ihrem Stand zurück. Sie verkaufte, was noch hielt. Getrocknete Linsen. Nadeln aus Bein. Zwei Bündel Lavendel aus dem Keller, die nach nichts mehr rochen. Eine schwangere Frau wollte ein Stück Eis kaufen. Vira hatte seit dem letzten Regen kein Eis gesehen. Sie gab ihr stattdessen ein Tuch und nahm kein Geld.
Auf dem Kassenbrett blieb der Kreis der Münze. Er wurde größer.
Am Nachmittag kam der Steuerknecht. Er trug das blaue Band des Stadtrats, verblichen bis auf die Stelle unter der Schnalle. Er setzte eine Tontafel auf Viras Brett. Darauf stand ihre Schuld. Drei Monate Standrecht. Zwei Fässer Salz. Ein Bußpfennig wegen verdorbener Ware auf öffentlichem Stein.
— Fällig mit dem ersten Regen, sagte er.
Vira sah den Himmel nicht an. Alle sahen zu oft hinauf.
— Dann habt Ihr Zeit, sagte sie.
Der Knecht leckte über seine aufgesprungenen Lippen.
— Niemand hat Zeit. Nur der Rat tut so.
Er ging weiter. Seine Sandalen hoben kleine Fäden Teer.
Vira packte bei Dämmerung nicht ein. Dämmerung kam nicht richtig. Die Sonne sank. Die Hitze blieb in geraden Lagen über den Dächern. Die Glocke der Münzhalle schlug achtmal. Beim achten Schlag sprang ein Riss durch den dunklen Kreis auf ihrem Kassenbrett.
Sie nahm ein Messer, eine leere Wasserflasche, den Sommerling. Sie ließ die Schuldtafel unter dem Brett. Sie ließ die besten Gewichte da. Ein Händler kehrte zu seinen Gewichten zurück, wenn er zurückkehrte.
Dano wartete in der Gasse der Gerber.
— Du bist laut gegangen, sagte er.
— Du bist schlecht versteckt.
Er trug keinen Helm. Das Tuch um den Schlüssel fehlte. Darunter lag Eisen, grau und rau. Die Haut an seiner rechten Hand war glatt wie Wachs.
— Geh nicht zur Burg.
— Öffne sie.
— Das sind verschiedene Bitten.
Sie roch die Gerbergruben. Sie roch kein Wasser darin. Nur Haar, Salz, alte Haut.
Dano trat näher. Der Schlüssel an seinem Gürtel klirrte nicht. Er hing still, obwohl Dano ging.
— Wenn der Sommer losgeht, geht alles los, sagte er. Pacht. Schulden. Dienstlisten. Die Herbsthebung. Dein Stand steht auf Ratsstein. Meiner auch, auf andere Art.
— Meine Ware stirbt.
— Menschen leben noch.
Vira steckte den Sommerling in den Mund. Er schmeckte nach Blut, obwohl sie sich nicht gebissen hatte. Sie ging an ihm vorbei.
Er packte ihren Arm. Nicht hart. Genug.
— Mein Bruder steht auf der Hebungsliste, sagte er.
Sie zog den Arm frei.
— Meine Schwester liegt unter einem Stein, weil der Brunnen im Pestjahr gesperrt blieb. Ordnung ist kein Brunnen.
Dano folgte ihr.
Die Stadt endete hinter den Kalköfen. Dort standen Grenzsteine aus drei Reichen. Zwei trugen Kronen, die niemand mehr kannte. Der dritte war glatt gerieben von Pilgern, die vor hundert Jahren barfuß zur Salzheiligen gegangen waren. Hinter den Steinen lag der Feigengarten. Die Blätter hingen grau.
Die Sommerburg stand dahinter.
Sie hatte kein Licht in den Fenstern. Ihr Schatten fiel auf die Stadt zu. Der Mond stand hinter ihr. Das Tor war schmaler, als Vira es erinnerte. Der Schwellenstein trug Rinnen von vielen Füßen. In den Rinnen lag feiner gelber Staub.
Dano holte den Schlüssel hervor. Seine wächserne Hand zitterte nicht. Die gesunde tat es.
— Ich öffne, sagte er. Ich gehe nicht hinein.
— Wer ist drinnen?
— Jemand, der rechnen kann.
Er drehte den Schlüssel. Das Schloss gab keinen Laut. In Viras Tasche knackte die Münze.
Sie trat durch.
Der Hof war klein. Der Stein hielt Hitze wie Brot. An der Wand hingen Wappen, halb abgeschlagen. Ein goldener Fisch ohne Kopf. Drei Garben. Ein Auge mit sieben Wimpern. In einer Ecke stand ein Brunnentrog. Er war voll. Das Wasser lag schwarz und eben. Kein Staub lag darauf.
Vira kniete. Sie tauchte zwei Finger hinein. Das Wasser biss kalt. Schmerz fuhr bis in ihren Ellbogen. Sie zog die Hand zurück. Die Fingerkuppen waren weiß.
— Nicht trinken, sagte Dano vom Tor.
Sie stand auf.
Im Saal der Burg saß eine Frau an einem langen Tisch. Sie war nicht alt. Ihr Haar klebte an den Schläfen. Vor ihr lagen Schnüre, Tontafeln, Wachssiegel. An der Wand hing ein Kalender aus Knochenplättchen. Kein Plättchen nach dem dritten Heumond war umgedreht.
Die Frau schrieb mit einer Nadel in Wachs. Ihre Finger waren verbrannt bis zum zweiten Gelenk. Sie hielt die Nadel trotzdem sauber.
— Vira vom Pflaumenstand, sagte sie.
Vira kannte sie. Jeder kannte sie. Maer Senn, Schreiberin des Stadtrats. Sie saß sonst unter dem grünen Dach neben der Münzhalle und las Verträge vor, wenn die Beteiligten nicht lesen konnten. Sie hatte Viras Standrecht zweimal verlängert. Einmal hatte sie einen Waisenjungen vor der Schuldmühle bewahrt. Einmal hatte sie drei Familien aus dem Ostviertel räumen lassen.
— Ihr habt den Sommer, sagte Vira.
Maer legte die Nadel ab. Das Wachs darunter rauchte nicht. Es sank ein.
— Ich halte ihn.
— Gebt ihn zurück.
— Wem?
Vira antwortete nicht.
Maer schob eine Tafel über den Tisch. Darauf standen Namen. Danos Bruder. Der Sohn der schwangeren Frau. Zwei Lehrlinge vom Gerberhaus. Viras eigener Name stand unter Steuerpfand. Am Rand hatte jemand eine ältere Liste abgeschabt. Die alten Buchstaben blieben als Narben.
— Der erste Regen öffnet die Listen, sagte Maer. Der Rat ruft die Hebung aus. Die Gläubiger nehmen Stände. Die Kornkammer schließt. Danach kommt Ordnung. Danach kommen Gräber.
— Jetzt kommen sie auch.
— Langsamer.
Maer hustete. Kein Speichel kam. Sie spuckte einen kleinen grauen Splitter in ihre Hand. Ein Stück Zahn. Sie legte ihn neben die Knochenplättchen.
Vira sah die Schnüre. Drei liefen vom Kalender zu einem Riss im Boden. Der Riss war schmal. Aus ihm stieg keine Flamme. Das Holz des Tisches bog sich zu ihm hin.
— Schneide eine Schnur, sagte Maer.
Dano machte am Tor einen Schritt. Dann blieb er.
— Warum ich?
— Weil du gekommen bist. Weil ich nicht mehr sauber schneide.
Maer hob ihre Hände. Die Finger standen in falschen Winkeln.
Vira nahm ihr Messer. Der Griff war feucht von ihrer Hand. Die erste Schnur war gelb. Die zweite rot. Die dritte ungefärbt, aus einfachem Hanf.
— Welche?
Maer lächelte nicht.
— Händler wählen immer.
Vira dachte an ihre Schuldtafel unter dem Kassenbrett. An den Stand ihrer Mutter. An Pflaumen, die von unten starben. An den Jungen am Brunnen. An Danos Bruder, den sie einmal beim Würfeln mit falschen Knochen erwischt hatte. An die schwangere Frau mit dem trockenen Tuch.
Sie schnitt die rote Schnur.
Etwas im Boden gab nach. Kein Licht kam heraus. Der Tisch sprang an einer Ecke. Viras Messer wurde heiß. Sie ließ es fallen. Die Haut an ihrer Schneidehand zog sich eng. Ihre Fingerkuppen dunkelten. Die Linien verschwanden.
Maer atmete ein. Blut lief aus ihrer Nase. Sie drückte es nicht weg.
Draußen schlug irgendwo Wasser in Stein.
— Was habe ich geschnitten?
— Fälligkeiten, sagte Maer.
Vira hob die Hand. Die Finger fühlten nichts.
— Nicht die Hitze.
— Nein.
Dano trat in den Saal. Sein Blick ging zu Maer, nicht zu Vira.
— Du hast es versprochen, sagte er.
— Ich habe gesagt, jemand wird schneiden.
Vira hob ihr Messer mit der linken Hand. Die Klinge war schwarz.
— Noch eine.
Maer schüttelte den Kopf. Ein weiterer Zahnsplitter fiel auf die Tafel.
— Dann fällt alles. Der Sommer rennt. Wochen in einer Nacht. Fäulnis. Geburten. Urteile. Tote, die der Kalender noch hält.
Im Hof plätscherte der Trog. Einmal. Dann still.
Vira ging zum Kalender. Die Knochenplättchen hingen dicht an dicht. Sie nahm den Sommerling aus der Tasche. Er war in der Mitte gerissen. Kupfer zeigte einen dunklen Kern.
Sie klemmte die Münze zwischen zwei Plättchen. Der Riss im Boden wurde schmaler. Ihre rechte Hand krampfte. Der Ringfinger blieb gekrümmt.
Maer sah sie an.
— Das hält nicht lange.
— Ware hält nie lange.
Vira ging hinaus. Dano folgte ihr bis zur Schwelle.
— Warum die rote?
Sie sah zum Stadtrand. Über den Dächern stand Hitze. Sie stand nicht mehr gerade. Sie hing schief, wie ein Tuch nach schlechtem Handel.
— Weil Schulden schneller töten als Soldaten, sagte sie.
Er nahm diese Antwort. Er verdiente keine bessere.
Am Morgen öffnete Vira ihren Stand. Die Pflaumen waren verdorben. Die Linsen blieben hart. Auf dem Kassenbrett war der dunkle Kreis verschwunden. An seiner Stelle lag ein feiner Riss quer durch das Holz.
Der Brunnen in der Mitte des Platzes gab einen Eimer Wasser. Dann schlug die Kette wieder an Stein.
Kinder kamen aus den Torbögen. Sie standen am Brunnen. Sie spielten nicht.
Dano erschien nicht zur Wache.
Gegen Mittag fand Vira unter ihrem Brett die Schuldtafel. Die Schrift darauf war verlaufen, als hätte Regen sie berührt. Kein Tropfen lag auf dem Ton.
Am Stadtrand stand die Sommerburg mit offenem Tor.
Ihr Schatten fiel über die Feigengärten.
In Viras Tasche lag die Hälfte des Sommerlings. Sie war kalt. Sie war kälter als alles andere auf dem Markt.




