Karibik für zwei
Clara kam mit einem Handtuch über der Schulter an Bord, als der Motor schon lief. Das Boot hieß Mariposa, aber die Farbe blätterte vom Namen ab, als hätte das Meer jeden Morgen ein kleines Stück davon mitgenommen. Neben der Kühlbox saß ein Mann und fädelte den Riemen seiner Maske durch die Schnalle. Er sah nicht auf, doch seine Hände hielten einen Augenblick inne, als ihr Schatten über seine Flossen fiel.
„Auch Anfängerin?“, fragte er.
Clara stellte ihre Tasche unter die Bank. „Nur für den Fall, dass Sie hoffen, ich rette Sie.“
Er zog den Riemen fest. „Dann bleibe ich in Ihrer Nähe.“
Sie kniete sich hin, öffnete die Tasche und legte ihre Dinge in eine gerade Reihe: Sonnencreme, Logbuch, Haarband, eine kleine Dose mit Ingwerbonbons. Auf dem Deck rollte ein Bleistift gegen ihren Fuß. Sie hob ihn auf. Auf dem gelben Tauchlogbuch daneben stand Rafael Ortega in einer Handschrift, die nach links kippte.
Er nahm den Bleistift zurück. „Danke.“
„Sie schreiben gegen den Wind.“
Jetzt sah er sie an. Nicht lange. Lange genug, dass sie bemerkte, wie seine Wimpern an den Spitzen vom Salzwasser zusammenklebten. „Und Sie stellen Sonnencreme nach Größe auf.“
„Man spart Zeit.“
„Oder man verliert sie anderswo.“
Der Tauchlehrer, ein breitschultriger Mann namens Milo, klatschte in die Hände. „Masken, Flossen, Westen. Unter Wasser redet keiner. Ihr zeigt. Okay bedeutet okay.“ Er formte mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis. „Aufsteigen. Absteigen. Problem. Luft.“
Clara übte die Zeichen sauber, als würde sie eine fremde Grammatik lernen. Rafael machte jedes Zeichen eine halbe Sekunde zu langsam. Wenn Milo etwas erklärte, legte Rafael zwei Finger an den Rand seiner Maske und deutete dann dorthin, wo sein Blick hinging: zum Druckmesser, zur Leiter, zu einer Möwe auf der Reling. Es war keine große Geste. Eher eine Einladung, dieselbe kleine Sache zu sehen.
Clara tat so, als merke sie es nicht.
Das Meer lag türkis um das Boot, flach und hell, bis es hinter der Riffkante in ein dichteres Blau fiel. Dieselgeruch mischte sich mit Kokosöl und nassem Neopren. Clara schob die Füße in die Flossen. Eine Strähne klebte an ihrer Wange. Rafael griff nach seinem roten Armband, das mit einem messingfarbenen Knopf zusammengehalten wurde, und drehte den Knopf einmal gegen die Haut.
„Glücksbringer?“, fragte Clara.
„Erinnerung.“
„An wen?“
Er nahm die Maske hoch. „An jemanden, der besser tauchte als ich.“
Milo rief sie ins Wasser. Die Unterhaltung blieb an Deck liegen.
Beim ersten Abtauchen drückte das Meer gegen Claras Ohren, als schiebe jemand Daumen von innen dagegen. Sie presste die Nase durch die Maske zu und glich aus. Das Blau nahm ihr die Kanten der Welt. Der Motor verstummte zu einem dumpfen Tier über ihnen. Ihr eigener Atem füllte alles: ein Rauschen beim Einatmen, ein silbernes Perlen beim Ausatmen.
Rafael sank neben ihr. Seine Bewegungen wirkten an Deck lässig, hier unten zählte jeder kleine Fehler. Ein Knie sank zu tief. Eine Flosse streifte Sand auf. Er hielt sofort an, die Hand flach, entschuldigend, obwohl niemand ihn hören konnte.
Clara hob den Daumen und Zeigefinger zum Kreis. Okay.
Er erwiderte das Zeichen. Dann tippte er mit zwei Fingern an seine Maske und zeigte nach links.
Dort stand das Riff.
Es stieg aus dem Sand wie eine Stadt ohne Straßen. Fächerkorallen wie aufgeschlagene Hände. Hirnkorallen mit Furchen, in denen winzige Schatten wohnten. Zwischen violetten Röhren schwammen gelbe Fische, jeder so grell, als hätte jemand ein Stück Sommer ausgeschnitten und ins Wasser gesetzt. Das Licht bewegte sich über alles hinweg, zitternde Netze aus Gold, die sich öffneten und schlossen.
Clara vergaß für drei Atemzüge, dass Milo vor ihnen war. Sie blieb bei einer Koralle stehen, die aussah wie eine Schale mit geripptem Rand. Ein kleiner blauer Fisch verschwand darin und kam wieder hervor, als prüfe er, ob sie noch da war.
Rafael hielt neben ihr. Er zeigte nicht weiter. Er wartete.
Das war das Erste, was sie wirklich von ihm verstand.
Später an Deck zog Clara die Maske vom Gesicht. Die Ränder hatten rote Linien auf ihrer Haut hinterlassen. Rafael saß zwei Plätze weiter, Wasser tropfte von seinem Haar auf sein gelbes Logbuch. Milo fragte, wie es gewesen sei.
„Salzig“, sagte Clara.
Rafael lachte leise. „Sehr ausführlich.“
„Ich will den Kurs nicht mit Poesie gefährden.“
„Keine Sorge. Milo sieht aus, als würde er Poesie beschlagnahmen.“
Milo zeigte mit einem nassen Finger auf sie beide. „Ich höre alles.“
Clara schrieb in ihr Logbuch: erste Tiefe, Sichtweite, Druck. Sie ließ eine Zeile frei, bevor sie das Wort Riff notierte. Rafael schrieb kaum. Er zeichnete etwas am Rand seines Blatts: zwei kleine Finger vor einer Maske, daneben eine Koralle wie eine Schale.
Sie sah weg, bevor er den Kopf hob.
Am zweiten Nachmittag zog Wind auf. Die Mariposa sprang über kurze Wellen, und die Luft schmeckte nach Metall. Clara hielt eine Hand an die Bank, während Milo die Übung erklärte: Maske fluten, Maske ausblasen, ruhig bleiben. Rafael stand ihr gegenüber. Der Messingknopf an seinem Armband schlug bei jeder Welle gegen sein Handgelenk.
„Heute retten Sie mich nicht?“, fragte er.
„Heute retten Sie sich bitte selbst. Ich bin mit meiner Maske beschäftigt.“
„Hart.“
„Professionell.“
Er zog die Flossen an. „Dann bleibe ich professionell in Ihrer Nähe.“
Sie wollte eine Antwort geben, doch Milo warf ihnen die Leine zu. Unter Wasser hatte jeder Satz ein Ende.
Diesmal war das Blau dunkler. Das Licht über dem Riff lag nicht mehr wie Gold, sondern wie bewegtes Glas. Clara kniete im Sand, flutete die Maske und spürte das Meer kalt über die Augen laufen. Für einen Augenblick verschwamm alles: Rafael, Milo, ihre eigenen Hände. Sie blies durch die Nase aus. Die Maske klärte sich. Rafael kniete noch immer vor ihr und hielt sein Okay-Zeichen nicht zu nah, nicht fordernd, nur dort, wo sie es finden konnte.
Sie antwortete.
Danach schwammen sie tiefer zum Schalenriff. Clara kannte den Weg schon an den Formen: die violetten Röhren, die fächernde Koralle, den Spalt mit den gelben Fischen. Rafael tippte an seine Maske und zeigte auf eine Schildkröte, die unter einem Überhang ruhte. Sie lag da, uralt und gleichgültig, Algen am Panzer wie grüne Fäden.
Clara lachte in den Regler. Das Lachen zerfiel zu Blasen.
Rafael sah nicht zur Schildkröte. Er sah auf die Blasen, die an Claras Wange entlangstiegen, und dann rasch wieder zum Riff. Seine Hand schwebte zwischen ihnen, als hätte er ein Wort angefangen und vergessen, dass Hände keine Sätze schreiben.
Milo gab das Zeichen zum Aufstieg.
Clara sah es nicht sofort. Ein Stück Licht lag in der Schalenkoralle und bewegte sich, als atme der Stein. Sie hielt sich über dem Sand, ohne ihn zu berühren. Rafael kam zurück, zeigte mit zwei Fingern an die Maske, dann nach oben. Sie nickte, doch in dem Moment löste sich ihr Flossengurt. Der Fuß glitt halb heraus. Sie griff danach, verlor die Lage und stieß mit der Schulter gegen Rafael.
Er packte ihr Handgelenk.
Nicht hart. Schnell.
Clara riss die Hand zurück. Sand stieg auf. Das Riff verschwand im milchigen Grau. Rafael hob beide Hände, Handflächen offen. Milo tauchte zwischen sie, befestigte den Gurt und gab das Zeichen: langsam, atmen.
Langsam. Atmen.
An der Oberfläche spuckte Clara den Regler aus und schwamm zur Leiter. Rafael kam hinter ihr hoch. „Clara—“
„War nichts.“
„Ich wollte nur—“
„Ich weiß, was Sie wollten.“
Sie kletterte an Bord. Wasser lief ihr aus den Ärmeln. Ihre Hände arbeiteten schnell an den Schnallen der Weste, zu schnell; eine klemmte, und sie zog noch einmal, obwohl der Kunststoff knackte.
Rafael sagte nichts mehr.
Am Abend saß Clara in der Strandbar, weil der Ventilator im Zimmer nur heiße Luft zerschnitt. Die Bar bestand aus drei Holzwänden, einem Dach aus Palmblättern und einer Theke, in der Muscheln einbetoniert waren. Hinter den Flaschen hing eine Lichterkette. Jede Birne hatte Salzflecken.
Sie bestellte Wasser mit Limette. Ihr Logbuch lag vor ihr. Die freie Zeile unter dem ersten Tauchgang störte sie. Sie drehte den Bleistift dreimal in der Hand.
Rafael setzte sich nicht neben sie. Er blieb an der Ecke der Theke stehen, mit genug Abstand für zwei weitere Menschen.
„Ich habe nicht nach Ihnen gegriffen“, sagte er.
Clara sah auf die Limette im Glas. Ein Kern klebte am Eiswürfel. „Doch.“
„Ich habe nach dem Moment gegriffen, bevor Sie gegen die Koralle kamen.“
Die Musik aus einem kleinen Lautsprecher knackte. Irgendwo schlug ein Glas gegen Holz. Clara legte den Bleistift ab.
„Ich mag es nicht, wenn jemand entscheidet, wohin ich mich bewege.“
Rafael nickte. Er drehte den Messingknopf am Armband, einmal, zweimal. „Meine Schwester mochte das auch nicht.“
Clara hob den Blick.
Er lächelte nicht. „Sie hat mir tauchen beigebracht. Wenn sie etwas zeigen wollte, machte sie das.“ Zwei Finger zur Maske, dann hinaus in die Luft zwischen ihnen. „Sie sagte, wer zeigt, muss warten. Sonst zeigt er nur auf sich selbst.“
Clara hörte den Ventilator über der Bar. Er quietschte bei jeder dritten Runde. Draußen zog die Sonne einen schmalen Kupferstreifen über die nassen Tische, aber keiner sah hin.
„Und heute haben Sie nicht gewartet“, sagte sie.
„Nein.“
Das Wort blieb auf dem Tresen liegen.
Sie schob ihr Glas ein Stück zur Seite. Die Nässe darunter hatte einen Kreis auf das Holz gezeichnet. „Ich habe auch nicht gesehen, dass Sie mich nicht halten wollten.“
Rafael setzte sich jetzt. Nicht neben sie, sondern auf den Hocker um die Ecke. Ihre Knie zeigten in verschiedene Richtungen. Seine Stimme senkte sich. „Morgen ist der letzte Tauchgang.“
„Ich weiß.“
„Danach fliegen Sie?“
„Übermorgen früh.“
„Natürlich.“
„Was heißt das?“
Er sah zu ihrem Logbuch. „Nur, dass manche Leute ihre Sonnencreme nach Größe ordnen und ihre Abreise wahrscheinlich auch.“
Sie hätte lachen können. Stattdessen zog sie das Buch näher zu sich. „Und manche Leute zeichnen Dinge, statt sie aufzuschreiben.“
„Wörter machen mehr Lärm.“
„Nicht immer.“
Er antwortete nicht.
Die Stille kam nicht leer. Sie brachte das Quietschen des Ventilators mit, die entfernte Brandung, das Schmelzen der Eiswürfel in ihrem Glas. Rafael legte die Hand auf den Tresen. Clara sah den hellen Streifen an seinem Handgelenk, wo das Armband die Sonne abgehalten hatte. Ihre eigene Hand lag nahe genug, dass sie die Kerbe in seinem Daumennagel sehen konnte, aber weit genug, dass niemand sich erklären musste.
Er schob ihr den Bleistift hin. „Die freie Zeile.“
„Was soll da stehen?“
Er tippte zweimal an seine Maske, ohne Maske, ohne Wasser, und zeigte dann auf das Buch.
Clara schrieb nicht sofort. Der Bleistift ruhte zwischen ihren Fingern. Dann schrieb sie: Er hat gewartet.
Rafael las es. Sein Atem änderte sich kaum, aber seine Schulter sank ein kleines Stück.
„Das stimmt nicht ganz“, sagte er.
„Für den ersten Tauchgang schon.“
„Und morgen?“
Sie schloss das Logbuch. „Morgen zeigen Sie langsamer.“
„Und Sie?“
Clara nahm die Limette aus dem Glas und legte sie auf die Serviette. „Ich sehe hin.“
Beide wussten, dass sie nicht vom Riff sprach. Niemand sagte es.
Als sie aufstand, blieb Rafael sitzen. Drei Sekunden lang geschah fast nichts. Ihr Handtuch rutschte von der Stuhllehne. Er griff danach, hielt es aber nicht fest, nur an der Kante, bis sie es nehmen konnte. Ihre Finger berührten den nassen Stoff zur selben Zeit. Die Lichterkette summte über ihnen.
„Gute Nacht, Clara.“
„Gute Nacht, Rafael.“
Am nächsten Morgen lag die Mariposa am Steg. Auf der Bank standen zwei Flaschen Wasser, eine große und eine kleine, genau nebeneinander. Neben Claras Platz lag ein Bleistift, frisch gespitzt. Auf der ersten Seite ihres Logbuchs hatte jemand nichts geschrieben.
Nur zwischen den Seiten steckte ein kleines Stück Papier, feucht an den Rändern. Darauf waren zwei Finger gezeichnet, die zur Maske zeigten, und dahinter die Schalenkoralle, offen wie eine wartende Hand.




