Karibik für zwei
Clara kam zu früh zum Tauchboot und tat so, als hätte sie es nicht bemerkt. Die Sonne lag schon heiß auf den weißen Planken, obwohl der Morgen noch nach Kaffee roch. Ein Junge vom Hafen schlug Eis in eine blaue Kühlbox. Aus der Bar nebenan tropfte Reggae aus einem Lautsprecher, immer wieder vom Kreischen einer Möwe zerschnitten.
Sie stellte ihre Tasche neben eine Sauerstoffflasche, zog den Reißverschluss genau bis zur Metallkante und prüfte zum dritten Mal die Schnalle ihrer Flosse. An ihrem linken Handgelenk hing ein dünnes rotes Band, ausgebleicht vom Sommer, mit einem kleinen silbernen Knoten daran. Wenn sie die Hand bewegte, schlug der Knoten leise gegen ihre Uhr.
Der Mann, der nach ihr kam, duckte sich unter dem Sonnensegel hindurch, obwohl es hoch genug hing. Er trug ein schwarzes T-Shirt, noch feucht am Rücken, und hielt seine Maske in der Hand, als wäre sie etwas Zerbrechliches. Auf seinem Unterarm klebte ein schmaler Streifen Pflaster. Er sah auf die Liste am Steuerstand.
„Clara?“ fragte er.
Sie hob den Blick über den Rand ihrer Sonnenbrille. „Nur, wenn Sie der Tauchlehrer sind.“
„Dann leider nein.“ Er setzte seinen Namen unter ihren. Rafael Torres. Die Schrift kippte nach rechts, jedes r wie eine kleine Welle. „Ich bin der andere Mensch, der dachte, ein Anfängerkurs um acht Uhr morgens im Urlaub sei eine gute Idee.“
„Das spricht gegen uns beide.“
„Oder für den Kaffee an Bord.“
Sie zeigte auf die Thermoskanne neben dem Kompass. „Der riecht nach Motoröl.“
Rafael schraubte den Deckel auf, roch daran und verzog nicht das Gesicht. „Motoröl mit Vanille.“
Sie wollte nicht lachen. Es blieb in ihrem Mundwinkel hängen, klein genug, um es zurückzunehmen. Rafael bemerkte es. Er schaute gleich wieder weg, aber zu spät. Clara sah, wie seine Finger einmal über den Rand der Maske strichen, als müsse er dort eine Linie glätten.
Der Tauchlehrer hieß Jonah, trug ein gelbes Shirt und sprach langsam, als könne jedes Wort bei zu viel Tempo ins Meer fallen. Er erklärte Druckausgleich, Zeichen, Tarierung. Daumen hoch bedeutete nicht gut, sondern auftauchen. Eine flache Hand bedeutete stopp. Zwei Finger zu den eigenen Augen, dann zeigen: Schau dort.
Rafael übte diese letzte Geste mit einer Übertreibung, die Jonah nicht sah. Zwei Finger an die Maske, dann auf Clara. Sie zog eine Augenbraue hoch.
„Ich schaue nicht auf Kommando“, sagte sie.
„Unter Wasser schon.“
Sie zog den Gurt ihrer Weste straffer. „Wir werden sehen.“
Das Boot löste sich vom Steg. Der Hafen blieb zurück mit seinen bunten Häusern, den aufgehängten Netzen, den Männern, die Fische ausnahmen und dabei redeten, als gehörte ihnen der Morgen. Clara setzte sich auf die Bank an Backbord. Rafael nahm die gegenüberliegende Seite. Zwischen ihnen lagen zwei Paar Flossen, eine Kiste mit Bleigurten und genug Luft, um nichts sagen zu müssen.
Als Jonah ihnen half, die Ausrüstung anzulegen, wurde alles schwerer: Flasche, Blei, Erwartungen. Clara hasste den Moment, in dem Hilfe zu nah kam. Sie griff nach dem Schultergurt, bevor Jonah ihn fassen konnte. Rafael sah es. Er sagte nichts. Er hielt nur den Atemregler hoch, der unter ihrer Bank eingeklemmt war.
„Ihrer“, sagte er.
„Danke.“
„Ich wollte ihn nicht behalten.“
„Beruhigend.“
Er grinste kurz. Dann zog er seine Maske auf die Stirn. Eine dunkle Locke blieb darunter hängen. Clara sah hin, obwohl die Küste gerade so tat, als verdiene sie Aufmerksamkeit: Palmen, flaches Türkis, ein schmaler Streifen Strand, auf dem zwei Hunde an einem Stück Treibholz zerrten.
Am Riff stellte Jonah den Motor ab. Die Stille danach hatte Kanten. Wasser klatschte gegen den Rumpf. Irgendwo knackte ein Tau. Clara setzte sich auf den Rand des Bootes, Atemregler im Mund, Maske über den Augen. Rafael saß neben ihr. Ihre Flossen berührten sich einmal, Gummi gegen Gummi.
Jonah hob drei Finger. Dann zwei. Dann einen.
Clara ließ sich rückwärts fallen.
Das Meer schlug über ihr zusammen, warm und grünblau. Für einen Moment gab es nur Blasen, die an ihrer Maske vorbeirasten. Dann richtete sich die Welt. Oben zitterte die Unterseite des Bootes wie dunkles Glas. Unten begann das Riff.
Sie atmete ein. Der Regler schnarrte. Sie atmete aus. Silber stieg auf.
Beim Abtauchen drückte es in ihren Ohren. Sie fasste sich an die Nase, presste vorsichtig, wartete auf das kleine Knacken. Neben ihr sank Rafael langsamer, Knie leicht angewinkelt, eine Hand am Inflatorschlauch. Er sah nicht zu ihr hin, bis sie wieder auf seiner Höhe war. Dann hob er die Hand: alles okay?
Clara formte mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis.
Okay.
Das Wort passte nicht mehr in diese Welt. Hier bedeutete es nichts, bis die Hand es machte.
Das Blau wurde dichter. Licht fiel in Streifen herab, zerbrach auf Sand und Korallen, glitt über Rafaels Arme wie bewegte Münzen. Er zeigte auf einen Schwarm kleiner Fische, die sich drehten, alle zugleich, als hätte jemand an einem unsichtbaren Faden gezogen. Zwei Finger an die Maske, dann zur Seite.
Schau dort.
Clara folgte seiner Hand. Zwischen zwei Hirnkorallen stand ein gelber Kofferfisch, eckig und ernst, und bewegte die winzigen Flossen, als denke er über eine Beschwerde nach. Clara stieß Luft aus. Die Blasen ruckelten vor ihrer Maske hoch. Rafael drehte den Kopf zu ihr. Seine Augen waren hinter Glas dunkler, genauer. Er hatte gesehen, wie sie gelacht hatte, ohne Ton.
Sie wandte sich ab und schwamm weiter.
Das Riff öffnete sich zu einer kleinen Gasse. Links ragten Fächerkorallen wie rote Hände aus dem Felsen. Rechts wuchs eine Wand aus violetten Röhren, in denen winzige Fische verschwanden. Clara blieb einen Atemzug zu lange stehen. Nicht weil Jonah stoppte. Nicht weil sie etwas prüfen musste. Das Licht dort bewegte sich langsamer. Es lag auf einem Bogen aus Korallen, einer natürlichen Tür, unter der Sand heller schimmerte als irgendwo sonst.
Rafael kam neben sie. Er drängte nicht. Sein Körper blieb einen halben Meter entfernt, genau so weit, dass kein Flossenschlag sie streifte. Dann machte er die Geste. Zwei Finger zu seinen Augen. Nicht zu dem Bogen. Zu ihr. Danach zeigte er auf das Licht unter der Korallentür.
Sie hätte an Land etwas gesagt. Vermutlich etwas Scharfes. Hier hob sie nur die Kamera von Jonah, die an einer Leine baumelte, und tat so, als interessiere sie sich für einen Seeigel.
Rafael wartete.
Das war schlimmer als Reden.
Sie sah hin. Durch den Korallenbogen zog ein Schwarm blauer Chromis. Das Licht zerfiel auf ihren Rücken, sammelte sich wieder, glitt über den Sand. Für drei Atemzüge stand alles still, obwohl nichts stillstand: die Fische, das Wasser, ihre Hände, die feinen Härchen an Rafaels Handgelenk, die sich im Strom bewegten.
Clara merkte, dass ihre Finger den silbernen Knoten am roten Band suchten. Unter dem Neopren fand sie ihn nicht.
Jonah gab das Zeichen zum Weitergehen.
Beim Auftauchen kam die Oberfläche zu schnell zurück. Geräusche sprangen sie an: Motoren in der Ferne, Wind im Sonnensegel, Jonah, der lobte, erklärte, korrigierte. Clara zog die Maske hoch und blinzelte in die Helligkeit. Salz lief ihr über die Oberlippe.
„Nicht schlecht“, sagte Rafael, als sie beide an der Leiter hingen.
Sie spuckte Wasser aus. „Für jemanden, der nicht auf Kommando schaut?“
„Sie haben geschaut.“
„Ich war höflich.“
„Unter Wasser?“
Sie griff nach der Leiter. „Ich habe meine Momente.“
Er blieb eine Sprosse unter ihr. „Ja.“
Das kleine Wort hing zwischen Flosse und Metall, zwischen Wasser und Luft. Clara kletterte schneller, als sie musste. Oben löste sie den Bleigurt, legte ihn in die Kiste und stellte fest, dass ihre Hände sehr sorgfältig arbeiteten.
Am Nachmittag stand der zweite Tauchgang an. Jonah fuhr weiter hinaus, dorthin, wo das Wasser von Türkis zu einem Blau wechselte, das keine Farbe an Land nachmachen konnte. Clara saß wieder an Backbord. Rafael saß nicht gegenüber. Er kam mit zwei Bechern Motorölkaffee und stellte einen neben ihre Tasche.
„Vanilleanteil heute niedriger“, sagte er.
„Sie haben probiert?“
„Ich habe Risiken gern unter Kontrolle.“
„Und buchen deshalb Anfängertauchen in der Karibik.“
Er lehnte sich an die Reling. „Manche Risiken tragen Flossen.“
Sie sah auf den Becher. Der Kaffee schwappte mit dem Boot, dunkel und dünn. „Sie sagen das zu allen Tauchpartnerinnen?“
Rafael nahm den Blick nicht von der Wasserlinie. Ein Pelikan stürzte weit draußen ins Meer und kam mit leerem Schnabel hoch. „Nein.“
Es wäre leicht gewesen, darauf etwas zu werfen. Einen Witz. Eine Bemerkung über Pelikane. Clara hob den Becher und trank. Der Kaffee schmeckte wirklich nach Motoröl, Vanille und Metall.
Beim zweiten Abstieg verrutschte Rafaels Maske. Eine kleine Kette von Luftblasen stieg an seiner Schläfe auf. Clara bemerkte sie, bevor Jonah sich umdrehte. Sie gab das Zeichen: stopp. Rafael hielt inne. Sie zeigte auf seine Maske, dann auf sich, dann auf ihn: Ich sehe es.
Er nickte und drückte den oberen Rand an. Wasser lief heraus. Seine Augen blieben bei ihr, während er ausatmete. Kein Grinsen. Kein Satz, der die Nähe wieder kleiner machte.
Sie schwammen weiter.
Am Korallenbogen blieb Clara diesmal zuerst stehen. Der Sand darunter trug kleine Rippeln, als hätte jemand mit einem Kamm hindurchgezogen. Ein langgestreckter Schatten löste sich vom Fels: eine Schildkröte, alt wirkend, mit Algen am Panzer. Sie glitt unter dem Bogen hindurch, so langsam, dass die Zeit sich an ihr ausrichtete.
Rafael hob die Hand. Zwei Finger an die Maske. Clara hätte ihm zuvorkommen können. Stattdessen legte sie zwei Finger an ihre Maske und zeigte auf die Schildkröte.
Schau dort.
Seine Schultern sanken einen Zentimeter tiefer. Luft stieg aus seinem Regler in ungleichmäßigen Stößen. Vielleicht lachte er. Vielleicht hatte er nur anders geatmet. Unter Wasser bekam alles eine zweite Möglichkeit.
Dann trieb eine Strömung quer durch die Gasse. Nicht stark, aber hartnäckig. Clara korrigierte mit den Flossen. Ihr rechter Fuß stieß gegen Fels. Ein kurzer Schmerz fuhr bis ins Knie. Sie griff nach nichts. Sie wollte nicht rudern, nicht zeigen, nicht brauchen.
Rafael war schon da.
Nicht an ihrem Arm. Nicht an ihrer Taille. Er hielt seine offene Hand vor sie, Handfläche nach oben, ein Angebot im Wasser. Kein Ziehen. Kein Befehl. Nur eine Stelle, an der sie sich festhalten konnte, wenn sie wollte.
Clara starrte auf seine Hand. Die Stille wurde groß. Jonah war ein paar Meter voraus, ein gelber Fleck über dem Riff. Das Meer knackte und knisterte um sie herum, als säße jemand tief im Korallengestein und zerbreche trockenes Brot. Ihr Atem ging zu laut. Rafaels Hand blieb dort.
Sie legte zwei Finger darauf. Mehr nicht.
Er schloss die Hand nicht. Er wartete, bis sie den Fuß neu setzte. Dann zog sie die Finger zurück.
Später, an Bord, redeten alle durcheinander. Ein Paar aus Kanada stritt über eine GoPro. Jonah zählte Flaschen. Clara saß auf der Bank und rieb sich den Knöchel unter dem Handtuch. Rafael kam mit einer Wasserflasche.
„Geht es?“
„Ja.“
Er sah auf ihre Hand, die den Knöchel noch hielt. „Sie sagen ja wie andere Leute nein.“
„Und Sie reichen Wasser wie andere Leute Fragen stellen.“
Er stellte die Flasche neben sie. „Dann trinken Sie die Antwort.“
Sie nahm sie erst, als er sich abwandte. In den drei Sekunden, in denen er zur Reling ging, sah sie den Sonnenbrand an seinem Nacken, den nassen Saum seines Shirts, die Art, wie er den Kopf leicht zur Seite neigte, wenn er nicht sicher war, ob er bleiben oder gehen sollte. Er blieb an der Reling stehen und tat so, als suchte er Fische.
Am Abend trafen sie sich nicht verabredet in der Strandbar. Das hätte Clara später sagen können, falls jemand fragte. Sie hatte sich nur ein Bier holen wollen. Nur den Sand aus den Schuhen schütteln. Nur nicht im Zimmer sitzen, wo die Klimaanlage klang wie ein müder Motor und ihre nassen Sachen über dem Stuhl hingen.
Die Bar bestand aus Holzpfosten, bunten Lichterketten und einem Tresen, in den Namen geritzt waren. Die Sonne hing tief hinter dünnen Wolken. Sie machte den Rum in den Flaschen honigfarben und die Narben im Holz dunkler. Ein Ventilator drehte sich über der Kasse und schob warme Luft von einer Ecke in die andere.
Rafael saß am Ende des Tresens. Vor ihm stand ein Glas mit Limette. Neben seiner Hand lag eine Muschel, klein, weiß, an einer Seite abgebrochen. Er drehte sie nicht. Er hielt nur einen Finger darauf, als könne sie sonst weglaufen.
„Sie verfolgen mich“, sagte Clara.
Er sah auf den freien Hocker neben sich. Nicht auf sie. „Ich war zuerst hier.“
„Das macht es raffinierter.“
„Dann setzen Sie sich besser nicht.“
Sie setzte sich.
Der Barkeeper stellte ihr ein Bier hin, ohne zu fragen. Vielleicht hatte sie genickt. Vielleicht reichte ihr Gesicht heute für Bier. Sie strich mit dem Daumen über das rote Band an ihrem Handgelenk. Der silberne Knoten war vom Salz stumpf geworden.
„Wer hat Ihnen das Tauchen geschenkt?“ fragte Rafael.
Sie sah ihn an.
„Sie haben beim Briefing den Gutschein aus Ihrer Tasche fallen lassen“, sagte er. „Goldene Schleife. Sehr feierlich.“
„Meine Schwester. Sie nennt es Horizont erweitern.“
„Und Sie?“
Clara schob die Bierflasche einen Zentimeter nach links, bis sie im Kreis aus Wasser stand, den das Glas vorher gemacht hatte. „Ich nenne es nasse Panik mit Ausblick.“
Er lachte leise. „Dafür schauen Sie ziemlich genau hin.“
„Berufsfehler.“
„Was machen Sie?“
„Ich plane Brücken.“
Rafael nahm die Muschel zwischen zwei Finger. „Natürlich.“
„Was heißt natürlich?“
„Sie prüfen, bevor Sie vertrauen.“
Sie trank. Das Bier war kalt genug, um an den Zähnen zu ziehen. „Und Sie?“
„Ich repariere Boote in San Juan. Manchmal fahre ich sie auch. Manchmal lasse ich andere glauben, ich hätte alles im Griff.“
„Nur manchmal?“
Er sah auf seine Hände. An einem Nagel hing noch Salz. „Heute weniger.“
Das war der erste Satz des Abends, der nicht ausweichen wollte. Clara hörte das Klirren von Eis im Shaker, das Reiben eines Besens über Sand, eine Frau, die am anderen Ende der Bar auf Spanisch schimpfte und dabei lachte. Rafael legte die abgebrochene Muschel zwischen sie.
„Sie haben unter Wasser viel geredet“, sagte er.
„Sie haben wenig widersprochen.“
„Ich hatte den Mund voll.“
„Praktisch.“
Sie sahen beide auf die Muschel. Der Ventilator knarrte bei jeder dritten Drehung. Draußen zog ein Boot eine weiße Spur durch das dunkler werdende Wasser. Clara legte ihre Hand auf den Tresen, nicht nah an seine, aber auch nicht weit. Der silberne Knoten berührte das Holz.
Rafael hob die Hand. Zwei Finger gingen fast zu seinen Augen. Auf halbem Weg hielt er inne. An Land sah die Geste nackt aus. Zu eindeutig. Er ließ die Hand sinken und nahm sein Glas.
Clara tat, als hätte sie es nicht gesehen. Ihr Daumen blieb auf dem Knoten liegen und bewegte sich nicht.
„Fliegen Sie morgen?“ fragte er.
„Übermorgen früh.“
„Also bleibt morgen.“
Sie drehte die Flasche langsam zwischen den Händen. Das Etikett löste sich an einer Ecke. „Für was?“
Rafael schaute hinaus aufs Wasser. Die letzten hellen Streifen lagen darauf wie dünne Blätter Metall. „Für den letzten Tauchgang.“
„Sie buchen auch?“
„Wenn Sie nicht auf Kommando schauen.“
Sie lächelte diesmal nicht nur mit dem Mundwinkel. Dann wurde ihr Gesicht wieder ruhig, fast sachlich. „Ich entscheide morgen.“
„Um acht fährt das Boot.“
„Ich weiß.“
Zwischen ihnen fiel kein großes Geständnis vom Himmel. Kein Satz nahm ihnen die Arbeit ab. Der Barkeeper stellte eine Schale mit gesalzenen Erdnüssen hin, und keiner griff hinein. Rafael zahlte zuerst. Er legte genug Scheine auf den Tresen, schob die kleine Muschel aber nicht zurück in seine Tasche.
„Gute Nacht, Clara.“
Ihr Name klang bei ihm anders, mit einem weichen Ende, als hätte er ihn nicht nur gelesen. Sie antwortete nicht sofort. Er stand auf, und in den drei Sekunden, bevor er sich abwandte, sah sie den Abdruck der Maske noch schwach um seine Augen, den hellen Streifen am Ringfinger, wo keine Sonne hingekommen war, die kleine Bewegung seiner Schulter, als er doch noch etwas sagen wollte.
Er sagte es nicht.
„Gute Nacht, Rafael.“
Er ging über den Sand zur Straße. Clara blieb sitzen. Das Meer rauschte hinter ihr so gleichmäßig, dass es erst auffiel, als die Musik eine Pause machte. Sie nahm die Muschel, drehte sie einmal und legte sie wieder an dieselbe Stelle, mit der abgebrochenen Seite zu sich.
Am nächsten Morgen lag der Hafen noch im blassen Licht. Das Tauchboot schaukelte am Steg. Auf der Bank an Backbord stand ein Becher Kaffee neben Claras Tasche. Daneben lag die kleine weiße Muschel.




