Der Fuchs und die Hitze
Felix roch die Hitze, ehe sie an seinem Fell zog.
Trockenes Gras stach in seine Nase. Heißer Staub lag über dem Weg. Dort, wo der Bach sonst plätscherte, kam kein nasser Geruch herauf, nur warmer Stein.
Der Fuchs hob eine Pfote. Setzte sie wieder ab. Hob die andere. Seine Nasenspitze zuckte und zog sich zurück, als hätte der Weg kleine Zähne.
Er trabte los.
Schnell.
Dann langsamer.
Sein buschiger Schwanz hing tief, doch seine Ohren standen spitz nach vorn. Felix mied den offenen Weg, sprang aber mitten hindurch, wenn ein Stück Schatten auf der anderen Seite lag. Er kroch gern in enge Löcher. Heute streifte er jeden Busch nur mit den Schnurrhaaren und wich wieder zurück.
Unter der alten Eiche war sonst sein erster Platz.
Felix schob den Kopf unter die tiefen Zweige. Die Erde dort war hart. Zwischen den Blättern lagen breite helle Flecken. Sie wanderten über seinen Rücken und blieben kleben.
Er legte sich trotzdem hin.
Ein Atemzug.
Zwei.
Dann rollte er auf die andere Seite. Die Wärme saß im Boden. Sie drückte gegen seinen Bauch. Er stand auf, schüttelte ein Hinterbein und schnappte nach einem Blatt, das an seinem Fell klebte.
„Zu hell“, murmelte er.
Eine Amsel hüpfte höher in die Zweige. Felix sah ihr nach. Seine Ohren zuckten. Sein Körper spannte sich zum Sprung, doch die Pfoten blieben fest am Boden. Kein Sprung heute. Nicht für einen Vogel. Nicht für raschelnde Blätter.
Er zog weiter.
Der Bachlauf lag zwischen Steinen und Wurzeln. Felix kannte jede Biegung. Im Frühling hatte er dort den Bauch ins kalte Wasser gedrückt, während kleine Wellen über sein Fell liefen. Nun knackte Schlamm unter seinen Pfoten.
Kein Plätschern.
Nur ein dünnes Kratzen, wenn seine Krallen über trockene Rillen fuhren.
Felix senkte die Nase. Der Bach roch nicht nach Bach. Er roch nach Staub und alten Blättern. Er scharrte mit beiden Vorderpfoten. Die Kruste brach auf. Darunter war Erde, dunkel, aber nicht kühl.
Er scharrte tiefer.
Staub stieg auf und klebte an seiner feuchten Nase. Felix nieste. Einmal. Zweimal. Dann sprang er rückwärts und schüttelte den Kopf so stark, dass seine Ohren klatschten.
„Zu leer“, sagte er.
Vom unteren Bachbett kam ein Watscheln.
Quiek, die Ente, kam zwischen zwei Steinen hervor. Ihr Schnabel stand einen Spalt offen. Ihre Füße patschten nicht. Sie klopften trocken auf den Bachgrund.
„Quiek“, sagte Quiek. „Kein Platsch.“
Felix sah auf ihre breiten Füße. Quiek sah auf seine staubige Nase.
„Hast du Wasser?“ fragte Felix.
Quiek steckte den Schnabel in eine Ritze. Sie zog ein trockenes Blatt heraus. Es hing schlaff an der Spitze. Sie ließ es fallen.
„Blatt“, sagte sie.
Felix trat von einer Pfote auf die andere. Unter seinem Fell blieb die Wärme gefangen. Er schnappte nach Luft, nicht laut, nur kurz, mit seitlich geöffnetem Maul. Dann wandte er sich ab.
„Mein Bau“, sagte er.
Der Eingang lag unter Brombeeren. Dunkel. Versteckt. Eng. Felix schlüpfte hinein, wie er es immer tat, flach und leise. Sein Rücken streifte die trockenen Ranken. Ein Dorn zog an einem Haarbüschel.
Drinnen stand die Luft.
Felix blieb auf halbem Weg stecken. Nicht mit dem Körper. Mit dem Atem. Die Wände gaben Wärme ab. Sein eigener Geruch hing dicht vor seiner Nase, alt und warm, von Fell, Erde und Schlaf.
Er kroch tiefer.
Noch tiefer.
Die Dunkelheit hielt nichts Kühles bereit. Sie saß nur da und drückte.
Felix rückte rückwärts hinaus. Erst der Schwanz. Dann die Hinterpfoten. Dann der Bauch. Als sein Kopf aus dem Eingang kam, blieb ein Brombeerblatt an seinem Ohr hängen. Er schüttelte es nicht ab. Er stand nur da, die Zunge ein wenig draußen.
„Zu eng“, hauchte er.
Im Gras neben dem Bau raschelte es.
Felix erstarrte. Seine Ohren klappten nach vorn. Sein Körper sank tiefer, obwohl er schon müde stand.
Ein kleiner Stachelball schob sich unter einem Farn hervor. Igo, der Igel, trug ein trockenes Blatt auf dem Rücken. Es wippte bei jedem Schritt.
„Heiß“, sagte Felix.
Igo blieb stehen. Seine Nase schnupperte an Felix’ staubiger Pfote. Dann schnupperte er am Boden.
„Renn nicht so“, sagte Igo.
Felix’ Schwanz zuckte. Er machte zwei Schritte, als wollte er schon wieder los.
Igo steckte die Nase unter den Farn.
„Unter dir…“, brummte er.
Mehr kam nicht.
Igo rollte sich nicht ein. Er ging auch nicht weiter. Er stand nur da, halb im Farn, halb im heißen Licht, und seine kleinen Füße schoben Laub beiseite.
Felix senkte den Kopf. Seine Schnurrhaare berührten die Erde. Erst fand seine Nase nur Staub. Dann, unter dem Farn, kam ein anderer Hauch. Dünn. Langsam. Nicht nass wie Bachwasser. Eher wie Erde, die einen Stein im Bauch hielt.
Felix grub nicht.
Er wartete.
Das war schwerer als Rennen. Seine Pfoten wollten suchen. Sein Rücken wollte weiter. Seine Nase blieb unten, ganz still, bis der feine kühle Hauch wieder an den Schnurrhaaren entlangstrich.
Quiek watschelte heran. Sie schob ein Blatt mit dem Schnabel fort.
„Da“, sagte sie.
Unter dem Farn lag eine flache Mulde zwischen zwei Wurzeln. Kein richtiger Bau. Kein Bach. Kein Versteck, das Felix gekannt hatte. Nur dunkle Erde, von Farn bedeckt, und ein Stein, der im Schatten lag.
Felix setzte eine Vorderpfote hinein.
Er zog sie nicht zurück.
Die Kühle kroch zwischen seine Ballen. Sie blieb dort. Sie biss nicht wie kaltes Wasser im Winter. Sie nahm nur die Hitze aus der Haut, Pfote für Pfote.
Felix schob die zweite Pfote nach. Dann den Bauch. Dann legte er das Kinn auf den flachen Stein.
Seine Zunge verschwand hinter den Zähnen. Die Ohren sanken seitlich auseinander. Der Schwanz, eben noch schwer und staubig, kringelte sich um eine Wurzel.
Quiek setzte sich in den Farnschatten. Igo schob sein Blatt vom Rücken und rückte dicht an den Rand der Mulde, nicht zu nah.
Lange bewegte sich nur Felix’ Fell. Es hob sich. Es sank.
Über ihnen hing der Sommerwald still. Unter den Wurzeln blieb die Erde dunkel. Felix lag mit kühlen Pfoten im Farn, und ein trockenes Blatt ruhte ungestört auf Igos Stacheln.




