Nuss und der Gewitterwind
Nuss hing kopfüber an einer Eiche.
Ihre Hinterpfoten krallten sich in die Rinde. Ihr Schwanz stand steil ab und wippte, wenn der Ast unter ihr schwankte. Unter der losen Rinde steckte eine Haselnuss. Nuss zog. Die Rinde knarrte. Die Nuss kam frei.
Sie hielt sie zwischen den Vorderpfoten.
Da hob sie den Kopf.
Die Luft roch nach nassem Stein, obwohl noch kein Tropfen fiel. Unter dem Sommerlaub hing ein schwerer, kalter Hauch. Nuss schnupperte zweimal. Beim dritten Schnuppern zuckten ihre Ohren nach hinten.
Oben im Wipfel bog sich ein dünner Zweig.
Nuss sprang.
Sie landete auf dem nächsten Ast, rutschte eine Pfotenlänge, fing sich mit allen Krallen und drückte die Haselnuss gegen ihre Brust. Ihr Schwanz schlug nach links. Dann nach rechts. Der Ast schwang weiter.
Unten lag die Höhle unter dem Wurzelbogen.
Schwarz und trocken war der Eingang, tief zwischen zwei alten Eichenwurzeln. Dort lag schon ein Häufchen Eicheln. Nicht genug. Oben, in drei Verstecken, steckten noch mehr.
Nuss huschte zum ersten Versteck.
Eine Astgabel. Moos darüber. Drei Eicheln darunter. Nuss schob die Nase hinein. Erde klebte an ihren Schnurrhaaren. Sie zog eine Eichel heraus, dann noch eine, dann die dritte.
Alle drei drückte sie an sich.
Sie setzte los.
Der Wind kam durch die Blätter und stieß gegen ihren Bauch. Der Ast unter ihr sank weg. Nuss machte einen Sprung, aber ihre Pfoten fanden nur die glatte Seite eines jungen Zweigs. Eine Eichel rutschte. Dann die zweite.
Klack.
Klack.
Die Eicheln fielen durch das Laub.
Nuss blieb flach auf dem Ast liegen. Ihr Bauch klebte an der Rinde. Ihre Krallen gruben sich ein. Nur ihr Schwanz bewegte sich, klein und schnell, als müsste er den ganzen Baum festhalten.
Von einem Stamm nebenan kam ein Trommeln.
Tok-tok-tok-tok.
Karl der Specht hing senkrecht an der Eiche. Sein roter Scheitel wippte bei jedem Hieb. Er hielt inne und drehte ein Auge zu Nuss.
"Kik?" machte Karl.
Nuss hob den Kopf. Eine Eichel lag weit unten im Farn. Die andere war nicht mehr zu sehen.
Karl klopfte einmal gegen den Stamm. Dann noch einmal, stärker.
"Trag sie im Schnabel", rief er. "Schnabel hält gut."
Nuss legte beide Vorderpfoten an ihre kleine Schnauze. Ihre Barthaare zitterten. Dann schob sie die übrige Eichel unter ihr Kinn und kletterte weiter.
Karl nickte gegen sein eigenes langes Werkzeug.
"Oder klopf ein Loch. Alles passt in Löcher."
Nuss sah auf den harten Stamm. Ihre Pfoten öffneten und schlossen sich. Kein Loch kam. Karl hackte fröhlich weiter, und kleine Holzsplitter sprangen ihm um die Füße.
Nuss rannte nach unten.
Nicht gerade. Nie gerade. Sie nahm die dickeren Äste, sprang nah am Stamm, hielt an, wenn der Wind schob. Ihr Schwanz wurde breit wie ein braunes Blatt. Er fing die Luft, drehte sie zurück, gab ihrem Körper die Richtung.
Am Wurzelbogen ließ sie die Eichel fallen.
Tock.
Sie rollte in die Höhle, stieß gegen die anderen und blieb liegen.
Nuss fuhr wieder hinauf.
Der zweite Vorrat lag in einer Rindenspalte. Dort roch es nach trockenem Holz und alter Schale. Nuss schob eine Pfote hinein. Zu eng. Sie presste die Schulter an den Stamm. Die Rinde schabte an ihrem Fell.
Eine Nuss kam frei.
Dann noch eine.
Eine dicke Eichel klemmte tiefer.
Nuss zog mit den Zähnen. Ihr Hinterteil hob sich. Ihr Schwanz ruderte in der Luft. Der Wind packte ihn und drehte ihn weg. Nuss ließ los und sprang zurück an den Stamm.
Die Eichel blieb stecken.
Nuss lief einmal um den Stamm. Dann noch einmal, kleiner. Ihre Nase fuhr über die Rinde. Über ihr trommelte Karl wieder.
Tok. Tok-tok. Tok.
Ein dünner Zweig lag quer vor der Spalte.
Nuss zog ihn weg.
Jetzt passte ihre Pfote tiefer hinein. Sie hakte die Eichel mit den Krallen, zog kurz, ließ los, zog wieder. Beim dritten Ruck sprang sie heraus und traf Nuss an die Brust.
Nuss kippte rückwärts.
Sie fing sich mit den Hinterpfoten.
Die Eichel blieb zwischen ihren Vorderpfoten.
Der Baum schwankte lange. Nuss rührte sich nicht. Nur ihre Ohren drehten sich nach dem Wind, der durch die Krone fuhr und die Blätter auf die helle Unterseite drehte.
Dann nahm sie nur eine Nuss.
Eine einzige.
Sie sprang hinab, leicht und nah am Stamm. Die Nuss lag fest zwischen ihren Zähnen. Ihr Schwanz zog Linien in die Luft.
So ging es weiter.
Hinauf.
Hinab.
Eine Nuss. Manchmal zwei, wenn der Ast dick war. Nie wieder drei.
Beim dritten Versteck musste Nuss weit hinaus auf einen dünnen Ast. Dort lagen kleine Bucheckern unter einem Blatt. Der Wind schlug das Blatt auf und zu.
Nuss kroch.
Ihre Krallen griffen von unten um den Ast. Ihr Körper lag lang und schmal. Der Schwanz hing tiefer und pendelte langsam. Der Ast bog sich unter ihr wie ein grüner Bogen.
Das Blatt klappte hoch.
Eine Buchecker rollte.
Nuss streckte eine Pfote aus. Zu kurz. Sie schob sich weiter. Der Ast bebte. Ihre Hinterpfoten rutschten. Sie drückte den Bauch fest an die Rinde.
Die Buchecker blieb an einem Knubbel hängen.
Nuss wartete.
Der Wind zog an ihren Ohren. Er roch jetzt stärker nach Regen. In der Ferne murrte der Himmel tief, und Nuss’ Rückenfell stellte sich auf.
Der Ast kam zurück.
Nuss griff zu.
Sie nahm nicht alle Bucheckern. Sie nahm die nächste, dann kroch sie rückwärts. Langsam. Pfote um Pfote. Erst am Stamm drehte sie sich um und raste hinunter.
Karl flog ein Stück tiefer und landete neben dem Wurzelbogen.
"Mein Loch ist trocken", sagte er und klopfte gegen die Eiche.
Aus dem Loch fiel ein Käferflügel.
Karl sah hinein. Dann hackte er daneben weiter.
Nuss schob die letzten Bucheckern mit der Nase in die Höhle. Sie kratzte trockenes Laub darüber. Dann schob sie eine dünne Wurzel zur Seite und zog zwei alte Eicheln tiefer hinein, dahin, wo der Boden kühl blieb.
Draußen beugten sich die Wipfel.
Ein erster Tropfen traf die Wurzel über dem Eingang.
Plopp.
Nuss saß im Dunkel der Höhle. Ihr Schwanz lag um den kleinen Haufen aus Eicheln, Haselnüssen und Bucheckern. Vor dem Eingang jagte der Wind die Blätter vorbei, und die erste Böe drückte den Regen schräg gegen den alten Eichenstamm.




