Nuss und der Gewitterwind
Über dem Eichenwald stand der Sommer schwer in den Blättern. Hoch oben sprang Eichhörnchen Nuss von Ast zu Ast. Ihr Schwanz bog sich breit hinter ihr, mal links, mal rechts, und hielt sie auf der schmalen Rinde.
Dann stoppte sie.
Die Luft roch anders. Nicht nach warmer Eiche. Nicht nach trockenem Moos. Da hing etwas Nasses zwischen den Stämmen, weit weg und doch schon in ihrer Nase. Nuss hob die Schnauze. Ihre Barthaare zitterten.
Unter einem dicken Ast lag ihr kleiner Haufen. Drei Haselnüsse, zwei Eicheln, ein Stück Buchecker. Nuss packte eine Nuss, legte sie wieder hin, packte zwei, drückte noch eine dritte mit den Vorderpfoten dazu. Ihre Backen wurden rund. Eine Eichel rollte davon.
Nuss sprang hinterher.
Der Ast schwang.
Sie krallte sich fest. Die Rinde kratzte unter ihren Pfoten. Ihr Schwanz peitschte hoch. Die Eichel kullerte bis an eine Astgabel und blieb dort, als hätte sie sich selbst versteckt.
„Tock, tock, tock!“
Am Nachbarstamm hing Specht Karl. Sein roter Fleck wippte, während sein Schnabel in die Rinde klopfte.
„Nuss! Der Himmel drückt auf die Bäume“, rief Karl.
Nuss antwortete nicht gleich. Sie nahm die Eichel zwischen die Zähne. Der nasse Geruch kroch stärker durch die Blätter.
„Du musst alles hoch bringen“, rief Karl. „Ganz hoch! In ein Loch. Hack dir eins. So.“
„Tock! Tock! Tock!“
Holzsplitter fielen.
Nuss saß still. Ihre kleinen Pfoten lagen flach auf dem Ast. Dann drückte sie ihre Nase gegen die Eichel. Kein Loch. Kein Schnabel. Nur Zähne, Pfoten und ein Schwanz, der beim Springen half.
Sie drehte sich um.
Unten, zwischen zwei alten Wurzeln, lag eine Höhle. Der Wurzelbogen war dunkel und eng. Trockenes Laub steckte darin. Nuss war oft daran vorbeigeflitzt. Nie war sie lange hineingegangen. Sie sammelte gern oben, wo Äste nachgaben und Wege in alle Richtungen führten.
Jetzt roch die Luft nass.
Nuss stopfte zwei Haselnüsse in die Backen und nahm eine Eichel mit den Zähnen. Sie sprang.
Der Wind kam durch die Krone.
Blätter schlugen gegen ihren Rücken. Der Ast unter ihr hob sich. Nuss sprang zu früh. Ihre Pfoten griffen nach der nächsten Rinde und fanden nur den Rand.
Sie rutschte.
Die Eichel fiel.
Nuss hing an den Vorderpfoten. Ihr Schwanz schlug gegen Blätter. Einen Atemzug lang blieb ihr Körper lang und dünn am Stamm. Dann zog sie sich hoch, Bauch an die Rinde, Krallen tief.
Unten ploppte die Eichel ins Laub.
Karl klopfte nicht mehr. „Du hast sie fallen lassen“, rief er.
Nuss’ Ohren zuckten. Sie lief den Stamm hinunter, kopfüber, schnell und stoppend, schnell und stoppend. Am Boden blieb sie dicht am Holz. Der Wind strich durch das Gras und schob trockene Blätter über ihre Pfoten.
Die Eichel roch nach Erde.
Nuss fand sie unter einem Blatt. Sie biss hinein, nur ein bisschen. Gut. Noch fest. Sie trug sie zum Wurzelbogen.
Vor der Höhle blieb sie stehen.
Der Eingang war schmal. Er roch nach alter Rinde und kühlem Boden. Nuss streckte den Kopf hinein. Ihre Schultern folgten. Dann zog sie sich wieder zurück und schüttelte die Pfoten.
Sie legte die Eichel direkt vor den Eingang.
Nicht tief genug.
Ein Windstoß rollte das Blatt darüber. Nuss packte die Eichel wieder. Diesmal schob sie sie mit der Nase hinein, bis sie gegen eine Wurzel stieß. Das Laub raschelte leise um sie.
„Tock?“, machte Karl von oben. „Wenn du ein Loch hacken willst, musst du härter klopfen.“
Nuss kam rückwärts aus der Höhle. Ein trockenes Blatt klebte an ihrem Kopf. Sie schüttelte es ab. Karl klopfte einmal gegen den Stamm, sehr wichtig.
Nuss rannte los.
Hinauf.
Über den ersten Ast.
Unter dem zweiten hindurch.
Der Wind schob sie seitlich. Ihr Schwanz stellte sich dagegen. Sie wurde flach, sprang kurz, landete tief in der Astgabel. Dort lagen die übrigen Nüsse.
Sie wollte alle nehmen.
Ihre Pfoten sammelten schnell. Eine Haselnuss, noch eine, Buchecker dazu. Die Backen rund. Die Vorderpfoten voll. Der Schwanz zuckte.
Sie machte einen Schritt.
Eine Nuss fiel.
Sie hielt an. Noch ein Schritt. Die Buchecker rutschte. Nuss presste alles fester an sich, aber ihr Bauch stieß gegen den Ast, und ihre Hinterpfoten fanden keinen klaren Platz.
Der nasse Geruch wurde schwerer.
Nuss ließ die Buchecker liegen.
Sie nahm nur zwei Haselnüsse. Dann sprang sie, klein und genau. Ast. Stamm. Rindennarbe. Wurzel.
Beim dritten Sprung blies der Wind von unten durch die Blätter. Nuss drückte den Körper an den Stamm und wartete. Ihre Krallen blieben in der Rinde. Der Ast über ihr knarrte. Erst als das Knarren kleiner wurde, lief sie weiter.
Unter dem Wurzelbogen schob sie die Haselnüsse neben die Eichel. Eine rollte zurück. Nuss schnappte sie und grub mit beiden Vorderpfoten eine kleine Mulde in den Boden. Erde krümelte. Die Nuss blieb liegen.
Wieder hinauf.
Karl hing schief am Stamm, der Kopf zur Seite gelegt. „Du machst viele Wege“, sagte er. „Ein Loch wäre schneller.“
Nuss sprang an ihm vorbei. Ihr Schwanz strich fast über seinen Schnabel.
„Fast ein Loch“, murmelte Karl und klopfte wieder.
Oben warteten die letzte Haselnuss und die Buchecker. Nuss nahm die Haselnuss zuerst. Sie ließ die Buchecker liegen, lief drei Sprünge weit, kehrte um und nahm sie doch noch. Dann blieb sie stehen. Die Buchecker war leicht. Zu leicht. Sie roch trocken und dünn.
Nuss ließ sie fallen.
Sie nahm nur die Haselnuss.
Der Wald rauschte jetzt ohne Pause. Die Äste bogen sich und kamen zurück. Bogen sich und kamen zurück. Nuss sprang nicht gegen den Wind. Sie wartete auf das Zurückkommen. Dann flog ihr Körper mit dem Ast nach vorn, und ihre Pfoten fanden den nächsten Stamm.
Unten schob sie die letzte Haselnuss tief in die Höhle.
Danach lief sie noch einmal hinaus. Nicht weit. Nur bis zu einem Stück Rinde, das vor dem Eingang lag. Sie zerrte daran. Es war breit und rau. Der Wind packte die Kante. Nuss duckte sich, zog, ließ los, packte tiefer.
Das Stück Rinde rutschte vor den Eingang.
Innen lagen die Nüsse still in der kleinen Mulde. Nuss kroch hinein. Ihr Schwanz passte zuletzt hinein und legte sich um ihre Füße.
Oben klopfte Karl noch einmal. „Tock.“ Dann schwieg auch er.
Die ersten Böen fuhren durch den Eichenwald. Blätter schlugen gegen die Wurzeln. Unter dem Bogen roch es nach Erde, Nuss und trockener Rinde. Nuss legte die Vorderpfoten auf die Mulde und blieb so, klein und warm, während draußen der Wind an den Ästen zog.




