Zwischen Wellen und dem Schweigen danach
Ein Rest vom Tageslicht rutscht über den Fluss, als das Holz des Ruderboots kurz auf einem Stein kratzt. Jana zieht die Knie enger an die Brust und blinzelt in die orange Kante, die hinter den hohen Bäumen am Ufer hängt. Das Wasser riecht süß und ein bisschen modrig, irgendwo klatscht eine Ente. Paul sitzt schräg vor ihr, die Hände noch an den Rudern, aber das Boot bewegt sich längst nur noch, weil die kleine Strömung es noch muss. Ihr rechter Fuß streift, aus Versehen oder nicht, jedes Mal seinen Unterschenkel, wenn sie sich neu verhockt auf der Sitzbank. Ihr hört zu, wie er schnauft; ein Geräusch wie nach dem Laufen, nicht nach Sport, eher nach Gespräch, das irgendwo steckt.
Die anderen Teams sind längst am Ufer, über den Wipfeln mischt Musik, zu laut für den Fluss. Jana hört sie kaum, weil Paul ihre Wasserflasche reicht, und dabei unwillkürlich die Finger einen Moment zu viel an ihrem Handrücken hält. Glas gegen Haut, kühl, und dann wieder weg.
„Noch?“ fragt er, und sie kann nicht sagen, ob er den Blick einen Zentimeter länger hält als sonst. Sie gibt die Flasche zurück und er dreht sie zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her, wie etwas, das er nicht loslassen kann oder will.
Die kleinen Wellen um das Boot zeichnen Muster, die nur von da, wo sie sitzen, zusammenpassen. Paul hat einen Wasserfleck auf dem Oberschenkel, sein T-Shirt sitzt schief, als hätte er versucht, sich unauffällig den Kragen zu richten. Jana bemerkt, wie er beim Reden manchmal den Mund schließt, als würde er einen Satz einstecken, bevor er gesagt ist.
„Es wird dunkel“, sagt sie irgendwann, zu leise für den Abstand zwischen ihren Köpfen. Paul blickt über die Schulter ans Ufer. „Ein paar Minuten noch? Die anderen merken’s eh nicht.“
Sie legt die Stirn auf die Knie und sieht ins Boot, auf Pauls Schuhe: gebraucht, eine kleine Narbe am Leder, die sie vorher nie gesehen hatte.
Im Boot schweigt es. Ein Geräusch: das Schaben seiner Hand am Holz, als seine Finger sich verkrampfen, dann wieder lösen. Pauls Fuß rutscht ganz leicht Richtung Jana; ihre Wade bemerkt den Wärmeunterschied sofort.
Sie sagt: „Eigentlich wollte ich das immer mal machen. So abends.“ – „Im Team oder…?“ – „Weiß nicht. So.“
Ihr Satz bleibt im Raum. Paul nickt, zuckt mit dem Kinn, so als müsste er mehrfach Ja sagen, weil der Mund nicht geht. Sein Schweigen fühlt sich weich und warm an, nicht wie im Büro. Es liegt im Boot und zwischen ihren Knien und seinen Händen.
Jana reibt mit dem Daumen einen Fleck am eigenen Schienbein weg, sieht hoch. Paul hat die Stirn gesenkt. Sein Name kommt ihr komisch vor, wenn sie ihn jetzt sagen würde. Sie sagt nichts.
Die Sonne ist kurz davor zu verschwinden. Aus dem Schilf summt ein Geräusch, das sie nicht zuordnen kann. Pauls Hand ist nah an ihrer, sie sieht, wie die Adern sich spannen, klein, hell unter der Haut. Er bewegt die Finger, als wollte er sie auf den Rand des Boots legen, lässt es aber. Nur drei Finger heben sich an, zittern, fallen zurück.
Sie bemerkt, wie ihr ihr eigener Arm zu schwer ist, um zu sprechen. Paul lehnt sich zurück, das Boot kippt minimal, sie rutscht versehentlich näher an ihn heran.
Keiner lacht. Sein Tshirt riecht nach Waschmittel, fremder Geruch, nicht Fluss. Ihr weißes Hemd hat am Ellbogen einen grünen Streifen. Sie ertappt sich dabei, daran zu denken, wie das zu Hause beim Ausziehen aussehen wird.
Paul greift zum Ruder, hält es aber nur lose. Ein Geräusch im Holz, er verschiebt das Blatt, zieht es nicht durch das Wasser. Jana sieht die Muskeln an seinem Unterarm spielen, ein Detail, das man nur sieht, wenn man genau schaut– ein Schatten, der beim Ausatmen kurz länger bleibt.
„War ein guter Tag.“ – „Ja, irgendwie geschafft.“ Sie sagt es zu laut, fast als hätte sie sich erschrocken über sich selbst. Er stutzt, zuckt mit den Lippen, als würde eine Antwort zu früh kommen, und steckt sie wieder zurück. Beide schauen in verschiedene Richtungen.
Das Boot macht leise Bewegungen unter ihnen. Die Luft fühlt sich dichter an als ihr Pullover letzten Winter. Jana will etwas sagen und bricht ab, atmet hörbar ein, als wäre das ein Statement.
Dann er, leiser als eben: „Du… magst du hier noch sitzen? Oder zurück?“
Sie braucht einen Moment zu lang. Antwortet, blickt auf den Fluss, sagt „Noch“, aber als er zieht, rudert sie schon mit. Ihre Ruderschläge sind kürzer. Er sieht das, sagt nichts. Ein, zwei Mal streifen ihre Hände sich am Holz, da, wo das Paddel dreht. Paul blickt immer wieder zu ihr hinüber, sagt nichts, scheinbar wortlos, aber der Blick sucht einen Halt. Sie lässt ihn. Ein zweiter, dritter Versuch, noch zu schweigen.
Das Boot treibt jetzt langsam auf die Wiese zu. Der Uferboden ist weich, Gras bürstet über ihre Zehen, als sie aussteigt. Jana rutscht ab, lacht nicht, aber Paul stützt sie, kurz, die Hand an ihrer Hüfte, gleich wieder weg. Das Handabdruck bleibt wie die Wärme eines Tees, den man zu früh wegstellt.
Sie stehen nebeneinander auf nassen Schuhen, die anderen sind weiter oben beim Grill. Das Licht ist schmutzig-gold, Staub tanzt vor ihren Knien. Paul sagt: „Da drüben…“, spricht nicht weiter. Sie auch nicht.
Beide gehen langsam in Richtung Wiese, die Jacken in der linken Hand, eine Wasserflasche, die sie vergessen hatte, in der rechten. Ihre Finger tippen kurz aneinander. Ein kurzer Druck, nicht genug Gewicht für eine Entscheidung. Jana will nach einem Ast greifen, aber er ist zu hoch. Paul sieht es, sagt nichts, wartet, ob sie es selbst versucht. Sie lässt es, kratzt nur die Rinde mit dem Fingernagel.
Sie setzen sich etwas weiter abseits ins Gras. Paul hat die Augen auf den Fluss, seine Knie fast gegen ihre gelehnt. Gras fleckt ihre Hosen. Eine Mücke surrt zwischen ihnen. Dialoge schweigen, weil keiner weiß, wozu Worte. Paul schiebt einen Grashalm zwischen Daumen und Zeigefinger, langsam, immer wieder, als würde er eine Nachricht tippen, ohne abzusenden. Jana sieht ihm zu, merkt an sich, dass sie heute Abschied schwieriger findet, als nötig.
Über den Rücken läuft ihr der Wind, warm, mit einer Note von Rauch vom Grill. Jana lacht leise, ohne Grund. Paul sieht auf, sucht einen Satz, der nicht kommt. Es ist die Art Schweigen, bei der jeder so tut, als ginge es um den Fluss, dabei geht es um einen Zentimeter zu viel zwischen den Händen.
Am Ufer leuchtet ein Handy auf, jemand ruft. Paul steht zu früh auf, dreht sich halb um, wartet aber, ohne nachzuhaken. Jana sammelt eine leere Flasche ein. Sein Blick bleibt am Saum ihres Hemds hängen. Sie merkt es, sagt aber nicht, was sie meint.
Das Licht liegt jetzt auf dem Boot, das halb im Wasser, halb im Gras steht, schief, wie etwas, das noch gebraucht wird.




