Pip und der lange Weg zum Osterkorb
Feuchtes Stroh kitzelt unter winzigen Krallen. Es riecht nach feuchtem Fell, ledrigen Körnern, warmer Erde und irgendwo nach etwas Weißem, das niemals gesehen wurde, nur gewusst. Pip zuckt mit den Flügelstummeln, rappelt sich auf, ein Zucken geht durch den weichen Bauch. Ein dumpfer Groll irgendwo ganz tief, wo nur ein Küken ihn fühlen kann.
Etwas Kaltes läuft Pip den Rücken herunter. Ein großes, braunes Etwas drückt das Köpfchen sanft zurück in den warmen Kreis aus Stroh. „Piep?“, kommt es aus dem Schnabel, noch krächziger als die erste Stimme. Die Welt dreht und kippt ein Stück. Die Eierschale liegt zerbrochen, klebrig glänzt ein Fetzen daran. Ein Gluckern von draußen, trockene Stimmen, Knistern von viel zu großen Körpern im Stroh.
„Draußen ist’s hell!“, quiekt jemand. „Pip ist zu klein!“, gurrt eine ältere Stimme. „Zu nass auch. Meine Ohren kleben!“ Ein Zittern läuft Pip durch die Beine. Die Krallen verfangen sich erst in einem steifen Strohhalm, dann im eigenen Flaum. Weiter!
Pip klappt, rollt, rutscht. Der Strohboden gibt nach, manchmal zu viel. Die Kuhle saugt Pip fast wieder zurück, wie ein viel zu großes weiches Maul. Ein Flügelstummel schlägt, bleibt an einem Halm hängen. „Warum schmeckt Stroh wie Regen?“, fragt Pip in den Raum. Die Antworten prasseln: „Weil Regen nass macht!“, „Hühner essen Stroh nicht, du Ball!“ „Der Hase kann alles essen, der frisst sogar Matsch!“
Ein weißer Lappen bewegt sich, Hasenpfoten rumpeln durchs Stroh. Der Hase, viel zu groß, Ohrspitzen wie nasses Moos, Behaarung zerzaust, hockt sich neben Pip. „Du bist zu früh!“, ruft der Hase. „Häh?“, macht Pip. „Ist doch noch gar kein Ostermorgen.“
„Ostern riecht anders“, schnaubt Henne Marta, „nach frischem Gras. Jetzt riecht’s nach Schlupf, alter Eierschale und Angst.“ Die letzten Worte rutschen aus ihr, fast wie ein nasser Lappen aus einem Eimer. Pip stolpert los, das Stroh bleibt am Bauch kleben. Wiegt zu schwer. Ein Piepen, erst laut, dann ganz leise, dann wieder nur Atmen gegen die eigene Brust, so fest, dass ein leises Pochen übrigbleibt.
Der Weg zum Osterkorb ist nicht weit, aber für Pip ein Gebirge. Ein loses Korn kullert wie ein Felsen davon, der nächste Schritt rutscht auf einer matschigen Stelle ab. Hasenpfoten patschen vorbei: „Du musst nur springen! Guck: So!“ Aber Pips Beine schleudern kreuz und quer, der Flaum hängt an alles, was klebt.
Marta klappt mit dem Schnabel, schubst vorsichtig. „Komm schon, Pip. Im Korb ist warm. Gibt Haferreste. Aber nicht zu gierig sein!“
Pip zieht ein Bein nach, der andere Fuß will nicht. Das Ziel – ein Korb, wackelig und geflochten, mit Gras und einem rotverzierten Ei – scheint zu flimmern, als ob die Luft selbst zu schwer ist. „Ist da noch Platz?“, ruft Pip, zu schnell, zu laut. Hasenohren zucken. „Da passt du hundertmal rein. Ich pass da gar nicht rein. Ich kann nur oben sitzen.“
Der Rand des Korbs kneift in die Brust. Beine strampeln. Pip landet mit einem Plumps auf kaltem Gras im Korbbauch. Das Ei rollt, stoppt an einem Halm. Ein Korn schleckt an der Zunge vorbei, schmeckt erst wie nasse Erde, dann – ein kurzer Hauch von Körnigkeit. Pip schüttelt sich. „Alles klebt.“
Über dem Rand beugt sich Marta, zwei Federn kitzeln Pip an der Wange. Ihr Atem ist warm und riecht nach Staub. Der Hase sitzt mit den Pfoten auf dem Rand, starrt aus schwarzen Knopfaugen in die Sonne. „Weißt du…,“ fängt er an, aber irgendwer niest. „Brauche Streu!“, ruft Marta.
Ein Stück Stroh sticht in die Seite, während draußen ein Pferd schnaubt und Wind durch die Ritzen pfeift. Im Korb ist es eng und weich. Pip hockt, Flügelchen an den Körper gepresst, Blick auf das feuchte Ei, das größer ist als alles, was Pip kennt. Marta blinzelt. Der Hase ruckelt am Rand und schlägt mit den Hinterläufen ganz leise auf den Korbboden.
Draußen steigen helle Staubfäden auf, das Stroh knittert. Pips Schnabel bleibt auf dem Rand liegen, die Augen werden schmal. Im Sonnenlicht wirbeln feine Fusseln. Atemzüge sind lang, Beinchen schwer, das eigene Piepen vermischt sich mit dem Surren der Fliegen. Nichts mehr bewegt sich, bis der Sonnenfleck ein Stück weiter über den Rand kriecht.




