Jonas und das neue Kind
In der Spielecke ist der Knetgeruch weich und bunt. Die großen Fenster werfen Frühlingslicht auf den Teppich. Ganz leise klingt ein Klackern von Bausteinen durch den Raum. Jonas sitzt mit einer kleinen Bahn und drückt die Räder auf das Holz. Dann zuckt etwas in seinem Ohr. Es ist ein leises, tropfendes Weinen. Ein dünner, feuchter Ton, der sich wie warmer Dampf bewegt.
Ein neues Kind. Kleiner Kopf, ganz rund. Die Wangen sind rot, die Nase glänzt. Die Augen laufen. Die Hände klammern das Shirt ganz fest, als könnte es, wenn man genug hält, vielleicht Mamas Geruch festhalten.
Jonas schaut hinüber. Sein Mund wird schmal. Ein tiefer Atem durch die Nase, seine Stirn zieht sich ein bisschen zusammen. Die Erzieherin spricht mit Flüsterton. Alles bleibt weich. Jonas’ Füße schieben sich schwer über den Teppich, mehr schlurfend als gehend, er balanciert dabei sein Lieblingsauto auf zwei Fingern.
Er setzt sich ein bisschen weiter weg. Dreht das Wägelchen vor und zurück. Schaut mit großen Augen zum neuen Kind. Die dicken Tränen hören nicht auf und davor klebt ein Geräusch zwischen Schniefen und leiser Luft. Jonas schaut zur Seite, guckt aus dem Fenster wie die Sonne den Staub tanzen lässt. Seine Finger spüren die kalte Kante des Autos.
Die Erzieherin bringt ein bisschen Knete. Es duftet rot und süß, ein bisschen wie Kirschen. Jonas rollt einen Ball, macht daraus eine Schlange, dann schaut er wieder schräg hin. Zwei Finger rollen den Ball zu dem neuen Kind, plumps, ohne etwas zu sagen. Die Bahn fächert auf dem Teppich. Die Zeit sinkt ein wenig, das Licht rutscht langsam die Tischkante weiter.
Jetzt kommt die Klingel zum Mittagessen. Im Esszimmer dampft die Suppe langsam zu den Tellern. Der Geruch kriecht warm durch Jonas’ Nase. Seine Hände liegen schwer auf dem Tisch, er will schon Löffel greifen, doch da steht das neue Kind – eine kleine Faust in der Erzieherin. Schaut auf die Löffel, dann zu den Stühlen, dann zu Jonas. Jonas zieht ein bisschen mit den Schultern, rutscht den Stuhl ein Stück zur Seite, ohne etwas zu sagen. Er klopft einmal leicht auf den Platz neben sich, schließt selber langsam die Finger um den Suppenlöffel.
Die Suppe ist warm. Sie schlägt weich gegen Jonas’ Lippen. Wörter werden in den Stimmen ringsum langsam weniger. Zwischen dem Löffel und dem Tuch an Jonas’ Mund gibt es einen Moment, da zögert alles im Raum. Nur der Suppendampf bleibt.
Im Waschraum kitzelt das Wasser über Jonas’ Handrücken. Überall spritzt es klein und leise. Das neue Kind steht daneben. Seifenbläschen schimmern in der Sonne. Jonas schiebt ein wenig mit dem Arm, dass zwei Zahnbürsten nebeneinander hängen. Das neue Kind hält sein Handtuch ganz fest. Jonas gähnt, sein Mund bleibt halb geöffnet, so dass ein Seufzen zwischen Zunge und Zähnen kitzelt.
Im Schlafraum warten Matratzen, leise raschelt jede Decke. Das Licht an der Decke wird weniger. Die Stimmen werden leiser, das Geräusch der Federdecken breitet sich wie warmer Brei. Jonas zieht an seiner Decke, sie kratzt und wärmt. Das neue Kind steht noch einen Moment. Dann stapft es ein paar Schritte, wie mit schweren Gummistiefeln, und bleibt stehen. Jonas macht Platz, dreht sich ein wenig auf die Seite. Die Decke ist plötzlich doppelt so dick. Alles riecht jetzt leicht nach Waschpulver.
Die Erzieherin geht einmal den Flur entlang. Ihr Schritt klingt wie weiches Moos. Jonas legt den Kopf zur Seite, die Augen halb offen, halb geschlossen. Sein Atem geht langsamer. Daneben raschelt das neue Kind mit seiner Decke, als würde es kleine Wellen machen.
Der Schlafraum ist jetzt fast still. Jonas hört kaum noch Stimmen. Nur das Rascheln. Er spürt, wie die Wärme bleibt, wie sein Bein sich nicht mehr heben möchte. Seine Finger ruhen an der Decke, das Licht ist winzig dünn unter der Tür. Einmal blinzelt er schnell.
Neben ihm das neue Kind. Zwei Köpfe ganz ruhig, nur noch das Heben und Senken von kleinen Bäuchen, fast gleichzeitig.
Die Decke ist schwer. Das Licht ist fast weg.
Der Raum atmet.




