Das Nest, das keiner allein fertigmacht
Mias Socken rutschen auf dem Laminat, als sie den Basteltisch herschiebt. Sämtliche Papierfetzen bleiben an ihrem Ellenbogen hängen, der Kleber kleckst auf das Hosenbein. Jonas steht im Türrahmen, das Basteldraht-Päckchen in der Hand, und hält es so mit ausgestrecktem Arm, als könnte es explodieren.
„Wer macht?“ fragt Mia und starrt den Draht an. Jonas tut so, als müssten die Verpackungsbuchstaben erst lautlos übersetzt werden. Lea kommt mit Stoppersocken ins Zimmer, bleibt fast auf der Schwelle stehen. Ihr Blick flackert vom Tisch zu den Gardinen, dann zu Mias Fingern, die an einer Schere fummeln. Niemand fordert Lea auf, hereinzugehen.
„Also…bisher ist noch nix Oster“, sagt Jonas und legt das Drahtbündel ziemlich weit weg von Mias Stuhl. „Du musst das auseinanderziehen, aber wenn du zu doll ziehst, dann…“ Jonas hebt die Finger und steckt sie rasch hinter den Rücken.
Mia lacht schnell, zu laut, nimmt den Draht, sodass das Papier am Daumen bleibt. Ihr erster Versuch: der Draht kringelt sich um ihren Zeigefinger und klemmt den Rasen zusammen. „Jetzt hab ich’s kaputt gemacht.“
Lea schaut auf Mias Hände, dann einen halben Schritt zurück, den Blick auf die Tischkante. „Ich glaub, der Draht tut weh.“
Jonas sagt eilig: „Ich halt die Schere, sonst sucht die wieder nach sich selbst.“ Er hält die Schere, aber niemand reicht ihm etwas zum Schneiden. Mia zupft Grashalme aus einer Basteltüte, Lea nimmt einen, als wäre er fremd. Sie drückt ihn, bis er zerknickt.
„Lea, willst du das reinstecken?“ fragt Mia, die immer noch am Draht nestelt. Lea macht einen kleinen Schritt, stoppt und hält sich mit beiden Händen am Stuhl fest, statt am Nest. Kurze Pause. Mia schiebt das erste grüne Halmfitzel in die Drahtschlaufe, der Rest landet auf dem Boden. Jonas bückt sich, hebt fünf Halme auf, wirft drei zu weit, die anderen zwei verschwinden unter dem Tisch.
„Das ist jetzt mehr Wiese als Nest“, sagt er. „Und meiner ist auch krumm.“ Ob er das Nest oder seine Hand meint, bleibt unklar.
Lea legt ihren zerknickten Grashalm daneben. Dann so leise, dass es im Wohnzimmer nebenan fast untergeht: „Wenn man das Band drum macht, sieht man’s nicht.“
Jonas schüttelt den Kopf, Arme verschränkt. „Du hast ja gar kein Band geholt.“ Lea zieht einen blau gesprenkelten Streifen aus ihrer Hosentasche. Sie zeigt ihn nicht gleich, sondern nestelt erst am Bund. Mia sagt: „Ich hab aber rosa. Das geht auch.“ Jonas guckt erst auf das eine, dann auf das andere Band, dann zu seinen Schuhen.
Stille. Draußen trillert ein Vogel. Mia fingert am rosa Band, ihre Finger werden stumpf vom Kleber. Jonas redet los, ohne etwas zu sagen: „Meins ist so, wie damals bei der Oma, weißt du, als das Ding noch hieß…“
Keiner antwortet. Lea dreht das Band zweimal, und erst beim dritten Mal bleibt die Schnur hängen. Das Band ist schief.
Jonas murmelt: „Nicht loslassen – sonst…“ Doch Lea hat längst nicht losgelassen, bloß falsch gewickelt. Mia fingert am Grashalm, der vorne rausrutscht, und hält ihn mit dem kleinen Finger fest. Für einen Moment versucht Jonas, den Draht nach oben zu biegen, Mia drückt von der Seite, Lea zieht minimal – das Nest quetscht sich in die Mitte und hält trotzdem nicht.
„Jetzt kommt alles wieder raus“, ruft Jonas. Alle schauen zu, niemand rückt die Finger nach.
Lea schiebt ihren Stuhl nach vorne, Rücken ganz gerade. „Ich kann’s festkleben.“ Sie nimmt fast gar nichts vom Klebestift, doch das Band bleibt irgendwie dran. Nicth ordentlich. Aber es bleibt.
Mia schnaubt, lacht diesmal leiser. „Jetzt sieht’s halt so aus wie… wie von uns gebaut.“
Lange passiert nichts. Drei Hände am Nest, jeder schaut sich nur die eigenen Fingerspitzen an. Draußen geht ein Licht an. Jonas richtet seinen Ärmel. Lea bleibt sitzen, ein bisschen zu nah an Mia, Mia klopft mit dem Knie auf Jonas’ Bein.
Keiner sagt, dass es fertig ist. Das Nest liegt still auf dem Tisch. Drumherum drei Kinder, keiner geht.




