Finn und die Karte zum Frühlingsversteck
Finns Zehen rutschen im Gummi der Stiefel, wo kaltes Bächleinwasser sie kitzelt. Schlamm spritzt bis zum Knöchel. Zwitschernde Vögel schlucken die Stille, und irgendwo hinter dem Heckendickicht ächzt Holz. Finn zieht die Karte aus der Jacke – Papier feucht, Ecken eingerissen, der Wind will sie greifen.
„Da vorn! Siehst du’s?“ Sara stolpert ins Worte hinein, das Haar verklebt von winzigen Pollen, eine Strähne im Mund. Der alte Eichenbaum kauert über die Lichtung wie ein Tier, tief verwurzelt, Äste ausgestreckt. Luft nach Erde, nach Wachsendem und altem Laub. Mit jedem Schritt in Richtung Stamm wird der Boden weicher, das Moos unter dem Fuß nachgiebig, nicht nachgebend.
Finn fuchtelt mit der Karte. „Neben… äh, da hinterm großen… Astloch.“ Die Wörter eilen, kämen fast zu früh. Ein Satz bleibt stecken, kurz nach dem losspringen.
„Wieso zitterst du?“ – „Gar nicht.“ Aber sein Ellenbogen stößt gegen Saras, beide treten auf dieselbe Wurzel. Kurz wankt die Welt. Zweimal Fragen, einmal Umgreifen.
Sie tasten die Rinde ab. Klebrige Streifen laufen über Finns Finger, und der Stamm schubst zurück – schroffe Rillen, schiefer Stand. Sara versucht, hochzuklettern. Ein Bein stemmt sich, ihr Knie rutscht seitlich weg. Sie landet unsicher auf der Ferse, die Karte flattert zur Erde.
„Geht so nicht. Der blöde Stamm ist zu glitschig.“ Sara pustet, atmet flacher. Ihr Blick huscht zu Finn. „Und jetzt?“
Finn hebt die Karte auf, Erde klebt daran. Sie steckt im Bachufer, auf der Rückseite dunkle, nasse Fingerflecken. Finn atmet, die Rippen dehnen sich kaum, Schritte werden kürzer. Im Loch sitzt nur eine Drossel, flattert auf. Mehr durch Zufall als Mut fasst Finn in eine Astgabel. Moos quillt zwischen den Fingern.
Sara drückt sich seitlich gegen den Stamm, auf der Suche nach Halt. Finn klemmt die Zehen in eine Kerbe, die Finger ans nasse Holz. Stützt sich mit dem rechten Ellenbogen ab, spürt, wie das Moos weich nachgibt. Der Weg rauf ist langsam, Hände krallen, die Wade spannt. Die Karte klemmt zwischen Zähnen. Jetzt.
Sein Arm wird schwer, das Knie zittert, die andere Hand sucht einen Spalt. Ein Rindenspan krazt am Unterarm, kurz rutscht sein Bein ab, ein dumpfes Schnauben. Die Erde riecht nach feuchtem Schlafsack. Sara zählt. „Drei… vier… warte, Finn! Gleich fällst du.“
Er setzt zurück, diesmal tastet sein Fuß gezielter. Dort, wo die Rinde splitterig wird, spannt er sich wie ein Klammeraffe. Oben, die Fingerspitzen am Astloch. Da ist etwas Weiches, nicht nur Moos. Er horcht. Eigener Atem neben dem Windsummen. Die Karte kneift am Mundwinkel.
„Was jetzt?“ ruft Sara.
Finns Stimme rauscht: „Ich seh was… aber geht nicht weiter. Zu eng.“ Das Knie dreht. Die Sonne blitzen durch Lücken, flackern am Handgelenk. Finn rutscht mit dem Ellbogen nach, drückt die Wange an die raue Borke.
Doch der Arm reicht nicht. Das Erste, was zieht, ist der Frust: die Lunge will, aber der Rücken will nicht mehr. Ein Kichern, das halb aus Versehen kommt. Finn schiebt mit den Zehen fester – und sackt langsam wieder ab. Staub riecht kratziger als vorher.
Er hängt einen Augenblick still, dann spuckt er die Karte aus. Sie kullert auf Saras Schoß, zerknickt. Sara rollt sie auf, blinzelt. „Da ist noch ein Zeichen, Finn. Auf der Rückseite, am Bach. Unten… siehst du? Das Ei zeigt nicht ganz nach oben.“
Stille, das Zwitschern klingt weiter weg. Finns Finger kribbeln. Sie hocken am Stamm, der Boden trocken unter der Hose.
„Komm. Bachufer.“ Sara springt vor, Finn folgt. Ihre Beine werden wieder schneller.
Wurzeln tasten aus dem Boden, Matsch klatscht. Am Rand, ein halber Stein im Wasser, ein kleiner Hohlraum darunter. Finn stochert mit einem Ast hinein, Schlamm klebt, das Wasser läuft zwischen die Finger. Zweimal schabt er, nichts. Noch einmal tiefer, die Fingerspitzen spüren Härte.
Er zieht. Schale im Schlamm, bunt gesprenkelt, schlammig. Luft vibriert um ihn, Sara lacht, erst kurz, dann bleibt ein leises Summen im Bauch.
Das Osterei in Finns Taschenwärme, der Eichenbaum brummt im Wind. Matsch kühlt die Handfläche. Die Karte, kunterbunt eingerissen, liegt am Rand des Bachs. Das Geräusch von Wasser und feuchtem Moos dauert an.




