Der Traum vom Ei, das seinen Namen kennt
Ein Rascheln war da, kaum lauter als das Seufzen eines Grashalms, aber es kam aus allen Richtungen. Die Luft trug etwas Schweres mit: den Geruch nach Morgentau, vermischt mit der Süße von Krokusblüten und einem leisen Hauch von nassem Fell. Darin stolperten Emils Füße durch das Ostertal wie von selber, der Boden federte weich, und der Tau schlich durch seine Socken bis zur Haut.
Sanftes Summen rollte unter seinen Fingerspitzen, als er an einem breitklaffenden Löwenzahn vorbeistrich. Mit jedem Schritt wurde das Summen lauter, ein Herzschlag aus Schokolade und heißem Apfelkompott, der durch die Adern drängte und die Handflächen warm kribbeln ließ. Emil blieb stehen, weil seine Zehen plötzlich wussten, dass hier etwas wartete. Seine Zunge klebte am Gaumen, eine Mischung aus Aufregung und Winterluft, die im Bauch kugelte.
Langsam kniete er unter einen Haselstrauch, und dort lagen sie: Zwei Eier, dick bemoost, bunt und fleckig. Das eine schimmerte goldgelb wie verirrtes Kerzenlicht, das zweite trug einen tiefen, blauen Fleck auf der Seite wie eine versiegelte Erinnerung. Kein Wind wollte sie bewegen, aber der Duft nach gerösteten Mandeln zog von ihnen fort, so kräftig, dass Emil seine Nase mit beiden Händen schützen musste.
Das goldene Ei begann zu knacken, ein Riss wie ein winziger Blitz, und ein dunkles Glühen sickerte heraus. Die Temperatur veränderte sich – Emils Finger wurden eisekalt, dabei lag doch nur ein Hauch zwischen Ei und Haut. Das Summen stieg auf, wurde zum Brummen, als ob Bienen in seinem Kopf wippen würden. Das Ei rollte ein Stückchen und flüsterte: „Ich bin Goldi. Kennst du deinen Namen?“
Seine Knie zitterten, doch die Worte kitzelten an seinem Ohrläppchen, warm wie Tee mit Honig. Emil wollte etwas sagen, spürte aber, wie die Zunge schwer wurde, als hätte jemand sie in Samt gepackt. Im Inneren spannten sich Brust und Schultern anders an, sein Atem kam flacher, fast so als müsste er leiser atmen, um nichts zu zerstören.
Das zweite Ei, mit seinem tiefen Blau, klackerte leise und roch für eine Sekunde nach feuchter Erde und Zimt. Ein winziger Riss formte einen Mund, und eine Stimme, rau wie das Kratzen eines glatten Steins, sprach: „Ich bin Blaufleck. Wer bist du, wenn du träumst?“
Emil spürte, wie seine Finger sich überschneiden wollten, aber die Kraft war schon halb fort, kribbelnd und leicht taub. Die Luft um die Eier wurde schwer, als hätte jemand Watte darüber gelegt. Der Geruch von gerösteten Mandeln blieb, fast zu stark, so dass Emil die Nase rümpfte und sich dann vorsichtig auf die Knie fallen ließ. Seine Lider wurden schwer, die Farben der Blumen verschwammen zu Pastellflecken.
Goldis Stimme war nun kaum mehr zu hören, fast wie das Echo eines Löwschnürzels im Wind: „Du bist gehört. Frag weiter.“
Das Brummen verstummte, nur ein Restsummen blieb im Großzeh zurück. Emil versuchte, noch etwas zu sagen, aber seine Lippen rührten sich nicht. Ringsum waberte ein leiser, bitter-süßer Nachgeschmack in der Luft, zwischen Haselstrauch und Kniekehlen. Er tastete über das Gras, das sich jetzt fremd anfühlte, ein wenig länger und feuchter als vorher. Die Welt war weich und schwer zugleich, und über der Wiese hing noch immer der Duft von gerösteten Mandeln.
Rückwärts krabbelte er zum Rand der Blumenwiese, der Kopf voll Gedanken, die sich anfühlten wie aufgespannte Federwolken. Sein Atem bewegte sich nun wieder freier, aber seine Finger wollten lange nicht aufhören, nachzuzucken. Die Stimmen der Eier blieben in den Ohren, wie eine Melodie, die noch nicht ganz verschwunden war.
Als Emil sich auf den Rücken legte, das Gesicht in das kühle feuchte Gras gedrückt, schien das Ostertal für einen Moment stillzustehen. Nur ein Windhauch strich über das Tal und ließ einen einzigen Mandelduft zurück, der auch die Träume später nicht ganz verließ.




