Mama legt das letzte Ei ins Nest
Im Kinderzimmer liegt ein leiser Duft von frischem Gras. Durchs Fenster fällt noch weiches Licht vom Abend in den Raum. Draußen im Garten singt irgendwo eine Amsel, ihre Töne klingen wie Watte. Lotte hört sie ein bisschen. Dann wird die Musik fast schon zu einem Flüstern.
Mama setzt sich auf die Kante vom Bett. Ihre Schritte sind langsam, die Hausschuhe machen kaum ein Geräusch auf dem Teppich. Die Decke auf Lottes Füßen ist weich, bisschen rau von außen, wie ein altes Kuscheltier. Innen ist sie ganz warm.
Aussen verblasst der Tag. Das Gras vor dem Fenster ist grün und gold und grau zugleich. Ein Wind hebt ein paar Blätter hoch, sie tanzen kurz und dann bleiben sie einfach liegen.
Mamas Stimme ist weich. Lotte merkt sie fast nur am Mundgefühl, wenn Mama die Worte leise neben ihr sagt.
“Gleich kommt der Osterhase”, flüstert Mama. Sie zeigt auf das Körbchen am Fensterbrett, ganz rund, darin nur ein Ei. Die Farbe läuft ein bisschen, so wie Wunschträume.
Mama hebt noch ein zweites Ei hinein. Dann schiebt sie die Finger unter Lottes Decke, streicht langsam über den Stoff, der schon nach Zuhause riecht. Lotte spürt durch ihre Beine, wie alles schwerer wird.
Im Garten ist jetzt alles leiser. Nur der Hauch von Erde und Blumen zieht durchs Fenster. Die Vorhänge werden dicker. Farben kriechen zusammen, werden wie Pastell, dann wie Creme, dann wie Milch. Lottes Augenlider drücken aufeinander. Es gibt nur noch einen kleinen Schlitz, in dem das Körbchen schimmert.
Mamas Hand ist warm auf Lottes Stirn. Sie sagt etwas, die Wörter kullern wie Eier im Nest. Lotte hört den Anfang, denkt ihn nicht ganz zu Ende.
Die Osterhasenstimme von Mama wird leiser. Immer leiser. Im Zimmer sind nur noch kleine Dinge wach: Ein Löwenkissen beim Kopf, ein Hauch Vanille im Kopfkissen, der letzte warme Fleck unter den Decken.
Lottes Beine liegen ruhig, fast wie Wolle nach Regen. Keiner sieht mehr, wie die Zehen blinzeln wollen. Außen ist der Garten in einem sanften Grau.
Mama hebt das letzte, das allerschönste Ei hoch. Es leuchtet lila golden, ein bisschen wie Sahne auf Milchkaffee. Sie legt es ganz vorsichtig ins Nest, im Lichtstrahl vom Fenster.
Lotte sieht das noch, mit Augen, die sie längst fast zugemacht hat.
Dann ist alles ganz weich.
Alles ist leise.
Das Nest liegt neben dem Fenster.
Mamas Hand ruht neben Lottes Stirn.
Eine Pause.
Der letzte Glanz auf dem Ei.




