Die große Fahrt zu Oma
Alexis hatte ihr Kissen schon dreimal gedreht. Die kühle Seite war weg. Ihre Knie klebten am Rücksitz. Jonas saß neben ihr im Kindersitz, die Finger an der Scheibe, und machte jedes Auto nach, das größer war als ihres.
„Brumm“, sagte Jonas.
„Das war ein Bus“, sagte Alexis. „Busse sagen nicht brumm. Busse sagen: Ich weiß, wohin, aber ich verrate es nicht.“
Jonas drückte die Nase ans Fenster. Der Bus zog vorbei. In seinem Heckfenster klebte ein gelber Stern. Darunter hing ein Vorhang, obwohl niemand schlief.
Alexis setzte sich gerade hin. Ihr Gurt schnitt in den Bauch. Sie zog nicht daran. „Der Bus fährt nicht in den Urlaub“, flüsterte sie. „Der sammelt Leute ein, die einen Stern gesehen haben.“
„Tenn“, sagte Jonas.
„Stern.“
„Tenn!“
Der Bus wurde kleiner. Der Vorhang wackelte noch einmal. Dann schluckte ihn ein Lastwagen.
Dieser Lastwagen hatte eine graue Plane. Die Plane war nicht glatt. Sie beulte sich an drei Stellen aus, als hätten drei Köpfe dagegen gedrückt. Hinten flatterte ein rotes Band. Es war nicht richtig festgeknotet.
Alexis vergaß, ihr Kissen festzuhalten. Es rutschte in den Fußraum.
„Da ist etwas drin“, sagte sie.
Jonas hob beide Hände. „Dino.“
„Zu groß für Dino. Oder zu klein. Kommt auf den Dino an.“
Papa fuhr links rüber. Der Wagen brummte schneller. Alexis presste die Stirn an die Scheibe. Sie wollte unter die Plane schauen. Genau in dem Moment fuhr ein weißer Lieferwagen dazwischen.
„Nein!“ Alexis griff nach der Luft, als könnte sie den Lieferwagen wegschieben.
Der erste Versuch war kaputt. Sie sah nur die Rücklichter des Lieferwagens. Aber der Laster vor ihm war nicht ganz verschwunden. Oben über der Plane blitzte etwas auf. Kein Kopf. Kein Horn. Ein dünner Stab, schwarz und gebogen.
„Antenne“, sagte Papa.
„Oder Schwanz“, sagte Alexis.
Jonas nickte heftig. „Dino Schwanz.“
„Wir brauchen Beweise.“ Alexis zog ihr Notizheft aus der Seitentasche. Auf die erste Seite malte sie drei Beulen, ein rotes Band und den schwarzen Stab. Jonas tippte mit klebrigem Finger mitten hinein.
„Da“, sagte er.
Sein Finger zeigte nicht auf die Beulen. Er zeigte auf winzige helle Punkte am Rand der Plane.
Alexis beugte sich näher. „Stroh?“
Der Lieferwagen fuhr endlich weg. Papa blieb dahinter. Der graue Lastwagen war wieder da. Jetzt sah Alexis die Punkte besser. Sie klebten an den Seilen. Nicht viele. Gerade genug, um nicht zufällig zu sein.
„Also kein Dino“, sagte sie. „Dinos verlieren kein Stroh.“
Jonas zog die Augenbrauen zusammen.
„Vielleicht ein sehr ordentliches Monster mit Stall.“
Jonas lächelte wieder. „Monsta.“
Dann standen alle.
Erst rollten sie noch. Dann nicht mehr. Papa schaute aufs Navi. Mama drehte die Musik leiser, als hätte das Navi dann bessere Ideen. Vor ihnen leuchteten rote Lichter, eine ganze Kette bis hinter die Kurve.
Alexis zog die Schuhe aus. Ihre Füße waren heiß. Jonas trat gegen seinen Sitz und sagte: „Los. Los. Los.“
„Das ist ein Stau“, sagte Mama.
„Ein Stau ist, wenn die Straße vergessen hat, wie man läuft“, sagte Alexis.
Im Auto rechts neben ihnen saß ein Mann mit einem Hund auf dem Schoß. Der Hund trug ein blaues Halstuch. Der Mann hielt eine Banane, biss aber nicht hinein.
„Warum isst er nicht?“, fragte Alexis.
„Vielleicht mag er keine Bananen“, sagte Papa.
„Dann hätte er keine ausgepackt.“
Jonas bellte. Der Hund drehte den Kopf. Jonas bellte noch einmal, leiser, als müsste er die Sprache treffen.
Weiter vorn winkte ein Mädchen aus einem Wohnmobil. Sie hielt eine Zahnbürste in der Hand. Keine Zahnpasta. Nur die Bürste.
Alexis schrieb: Mädchen putzt Zähne ohne Wasser. Hund bewacht Banane. Straße steht still. Das musste zusammenhängen.
Sie versuchte, dem Mädchen eine Frage aufs Heft zu malen. Ein großes Fragezeichen. Sie drückte es ans Fenster.
Das Mädchen sah es. Sie hob ihre Zahnbürste wie ein Schwert.
Falsche Antwort.
Alexis kaute auf dem Stift. Der erste Plan hatte nur mehr Rätsel gemacht. Jonas patschte gegen die Scheibe und zeigte nach unten. Zwischen den Autos lief eine dünne Spur über den Asphalt. Kein Wasser. Kleine Körnchen. Gelb.
„Krümel“, sagte Alexis.
Der Mann mit dem Hund hob nun die Banane. Nicht für sich. Er hielt sie dem Hund hin. Der Hund schnupperte und schaute weg.
„Aha“, sagte Alexis. „Der Hund soll etwas essen, das er nicht will.“
Das Mädchen im Wohnmobil schrubbte mit der trockenen Zahnbürste über einen Fleck auf ihrem T-Shirt. Gelbe Krümel fielen auf die Straße.
„Und sie hat gekleckert. Kein Schwert. Eine Bürste zum Retten.“
Jonas sagte: „Bürste rett.“
Der Stau kroch weiter. Nicht schnell. Aber genug, dass die Krümelspur verschwand. Alexis klappte das Heft zu. Ein gelöstes Rätsel machte Platz für das nächste.
An der Tankstelle roch es nach warmem Gummi und Pommes. Mama sagte: „Alle raus. Beine wecken.“
Alexis stieg aus und wackelte mit den Zehen. Ihre Beine prickelten, als wären Ameisen darin losgelaufen. Jonas wollte nicht gehen. Dann sah er die bunten Fähnchen über den Zapfsäulen und rannte doch, so weit Papas Hand ihn ließ.
„Nicht zur Straße“, sagte Papa.
„Da!“ Jonas zeigte auf den Boden neben dem Mülleimer.
Alexis sah erst nur einen Kassenbon. Dann kniete Jonas sich hin. Neben dem Bon lag ein kleiner grüner Knopf. Er hatte zwei Löcher und einen Fadenrest.
„Nicht anfassen“, sagte Mama.
Alexis beugte sich darüber. „Der ist von jemandem abgefallen.“
„Knopf“, sagte Jonas, stolz wie ein Finder von Gold.
Alexis schaute sich um. Menschen liefen zur Toilette, zum Laden, zu Autos mit offenen Türen. Niemand suchte am Boden. Niemand fasste an seine Jacke. Im Sommer trug fast keiner eine Jacke.
Dann sah sie den grauen Lastwagen.
Er stand hinten am Rand des Parkplatzes. Die Plane hing offen. Kein Dino. Kein Monster. In der Ladefläche standen Heuballen, und daneben lehnten lange schwarze Stangen. Besenstiele? Nein. Zeltheringe? Nein. Eine Frau in grüner Hose band das rote Band neu fest.
An ihrer Bluse fehlte ein grüner Knopf.
Alexis riss die Augen auf. „Papa! Der Knopf gehört ihr.“
„Wir bringen ihn hin“, sagte Papa. „Aber langsam.“
Alexis ging schnell langsam. Das war schwer. Jonas stapfte neben ihr und hielt Papas Finger mit beiden Händen.
Die Frau sah auf, als Alexis auf den Knopf zeigte. „Ist der von Ihnen?“
Die Frau fasste an ihre Bluse. Da war das leere Loch.
„Der kleine Ausreißer“, sagte sie. „Danke.“
Alexis schaute in den Laster. Zwischen den Heuballen standen zusammengeklappte Hindernisse, rot und weiß gestrichen. „Was transportieren Sie?“
„Sachen für ein Ponyturnier.“
Jonas machte ein Geräusch, das halb Pferd, halb Dino war.
Die Frau lachte. „Fast richtig.“
Alexis strich im Heft das Monster nicht durch. Sie malte nur Ponybeine darunter.
Die letzten Stunden wurden weich. Die Autos wurden länger, dann kürzer, dann wieder lang. Jonas schlief mit offenem Mund. Sein Finger blieb an der Scheibe kleben, als wollte er im Traum weiterzeigen. Alexis hielt das Heft auf dem Bauch. Der Stift rollte bei jeder Kurve gegen ihren Daumen.
„Noch zwanzig Minuten“, sagte Mama leise.
Alexis wollte wach bleiben. Ihre Augen fielen zu. Sie zwang sie wieder auf. Draußen standen keine Lärmschutzwände mehr, sondern Felder. Dann Häuser. Dann ein Schild mit dem Namen von Omas Dorf.
Jonas hob den Kopf, bevor jemand etwas sagte. Er zeigte.
Da war Omas Haus. Der Gartenzaun war frisch gestrichen. Am oberen Fenster klebte ein Stück blaues Band, das letztes Jahr nicht dort gewesen war.
Alexis nahm den Stift. Ihre Hand schrieb langsam, aber sie schrieb: Blaues Band am Dachfenster. Oma fragen. Jonas ließ den Finger an der Scheibe, bis Papa vor dem Tor hielt.




