Das Freibad um Mitternacht
Klara stellte morgens zuerst die Liegen gerade.
Nicht, weil es jemand verlangte. Um sieben Uhr stand noch kein Gast am Drehkreuz, nur die Tauben liefen über die warmen Fliesen vor dem Kassenhäuschen. Klara ging die Reihe am Nichtschwimmerbecken ab und schob jede Liege mit dem Fuß in dieselbe Linie. Danach hängte sie die Rettungsstange an den Haken, prüfte den Erste-Hilfe-Koffer und zählte die Armbänder für die Wertfächer.
Sie mochte Listen. Sie mochte Haken hinter erledigten Dingen. Trotzdem blieb sie seit Jahren im Freibad, wo sich ab zehn Uhr alles gegen Listen wehrte: Kinder sprangen zu zweit vom Einer, Männer legten Handtücher über fremde Plätze, Mütter suchten nach Sandalen, die direkt vor ihnen standen. An Tagen mit dreißig Grad und mehr bekam das Becken einen eigenen Willen.
An diesen Tagen verschwanden die Wertsachen.
Erst eine Geldbörse aus Fach 18. Dann ein Handy aus Fach 22. Zwei Wochen später ein Autoschlüssel, ein Portemonnaie und eine silberne Uhr aus drei verschiedenen Beuteln. Immer an Tagen, an denen die Schlange am Eingang bis zum Parkplatz reichte. Immer zwischen halb zwei und vier. Immer dann, wenn Nico im Kassenhäuschen mit nassem Haar am Tresen stand und sagte, er habe seit Stunden nicht einmal Wasser trinken können.
Die Wertfächer lagen hinter ihm in einem grauen Metallschrank. Die Gäste gaben ihre Sachen in durchsichtigen Beuteln ab, bekamen eine Nummer am blauen Gummiband und gingen weiter zu den Umkleiden. Der Schrank hatte ein Schloss. Der Schlüssel hing an einem Haken unter der Kasse. Jeder kannte das System. Keiner sah hin.
Beim ersten Mal schrieb Klara den Verlust auf das Formular und fragte Nico, ob der Schrank offen gestanden hatte.
„Keine Sekunde“, sagte er.
Er sagte es, bevor sie den Satz beendet hatte. Dabei zog er die Schublade auf, reichte Wechselgeld heraus und lächelte die Frau hinter ihr an, die zwei Kinderkarten wollte.
„Du hast nichts bemerkt?“
„Bei dem Andrang merkt man alles und nichts. Aber den Schrank lasse ich nicht offen.“
Die Antwort passte. Sie saß glatt auf dem Papier.
Herr Breuer saß an diesem Tag wie immer unter dem Vordach zwischen Kassenhäuschen und Fahrradständern. Er war Rentner, ehemaliger Bahnbeamter, sagte er. Braune Haut, weißer Hut, ein Handtuch mit verblichenen Segelbooten. Neben seinem Klappstuhl lehnte ein schwarzer Gehstock mit Gummikappe. Er kam jeden Morgen um halb zehn, schwamm selten, kannte aber alle Öffnungszeiten, alle Rohrbrüche und die Namen der Kinder, die jetzt eigene Kinder mitbrachten.
„Schlimm, Frau Klara“, sagte er, als die Frau mit der fehlenden Geldbörse weinend an ihm vorbeiging. „Die Leute passen nicht mehr auf.“
Klara nickte und sah auf seinen Becher Eistee, der im Schatten auf der Fliese stand. Darunter blieb ein nasser Ring.
Der zweite Diebstahl kam an einem Mittwoch, an dem das Wasser schon um elf nach Sonnencreme schimmerte. Die Umkleiden dampften. In Kabine drei klebte ein Pflaster an der Wand, in Kabine sieben lag ein einzelner Ohrring auf der Bank. Klara sammelte beides ein, trug es zum Fundkasten und fand Nico vor dem Seitenfenster des Kassenhäuschens.
Das Fenster stand zwei Finger offen. Ein weißer PlastikKeil hielt den Rahmen. Er hatte eine schwarze halbmondförmige Spur an der Spitze, als hätte jemand mit Gummi darauf gedrückt.
„Machst du hier Durchzug?“ fragte Klara.
Nico griff nach dem Keil und legte ihn hinter die Kasse. „Nur kurz. Drinnen kocht es.“
„War es eben offen, als Frau Mahler ihren Beutel abgeholt hat?“
„Nein. Da war alles zu.“ Wieder kam die Antwort ohne Lücke. „Ich mache das nur, wenn niemand am Fenster steht.“
Hinter ihm klapperten die Wertfachnummern an ihren Haken. Draußen pfiff ein Junge durch zwei Finger, weil sein Freund sich nicht traute zu springen.
Am selben Nachmittag meldete ein Mann aus der August-Bebel-Straße sein fehlendes Handy. Fach 22. Klara schrieb die Uhrzeit auf. 15:12. Sie sah zum Vordach. Herr Breuer saß nicht auf seinem Stuhl. Sein Eistee stand da, der Ring darunter größer als vorher.
Sie fand ihn am Beckenrand, drei Meter vom Sprungbereich entfernt, den Hut tief in der Stirn.
„Sie waren eben am Kassenhäuschen?“
Er hob den Kopf langsam. „Ich sitze immer im Schatten, Frau Klara. Fragen Sie jeden. Da sehen mich alle.“
Sie schaute auf seine Füße. Der linke Zehennagel war sauber geschnitten, der rechte Fuß steckte in einer Badesandale. Der Stock lag quer über seinen Knien.
„Haben Sie jemanden am Seitenfenster gesehen?“
„Bei der Hitze sehe ich lieber ins Wasser.“ Er lächelte, als hätte er ihr einen Gefallen getan.
Die Polizei kam nach dem dritten Vorfall nicht mehr selbst. Ein Beamter rief an und bat um eine Liste. Klara legte sie abends auf den Tisch im Aufenthaltsraum. Fach 18, 22, 24, 20, 26. Alles gerade Nummern. Alle auf der rechten unteren Seite des Metallschranks. Alle zwischen halb zwei und vier.
Nico stand im Türrahmen und kaute auf einem Holzstiel vom Eis.
„Du machst eine Wand daraus“, sagte er.
„Eine Liste.“
„Es sind die Jugendlichen. Die mit der blauen Kühlbox. Die hängen ständig bei den Umkleiden rum.“
Klara sah ihn an.
Er hob die Schultern. „Ich sage nur, was alle denken.“
Die Jugendlichen waren fünf, manchmal sechs. Sie trugen Ketten, lachten zu laut und ließen ihre Badelatschen mitten im Weg stehen. Einer von ihnen hatte neue Kopfhörer um den Hals, obwohl am Morgen ein Mädchen Kopfhörer als gestohlen gemeldet hatte. Klara folgte ihnen am nächsten Hitzetag nicht offen. Sie putzte den Bereich vor den Duschen, stellte einen Eimer in die Ecke und blieb bei den Spinden, während sie ihre Liste im Kopf sortierte.
Um 14:38 drängten sich die Jungen in Umkleide zwei. Einer stellte die blaue Kühlbox auf die Bank. Klara hörte Flaschen aneinanderstoßen und ein Handy vibrieren. Nach drei Minuten kamen sie wieder heraus. Einer trug ein kleines schwarzes Etui.
„Stopp“, sagte Klara.
Der Junge mit den Kopfhörern blieb stehen. Seine Augen gingen zuerst zur Tür, dann zu ihr.
„Was ist in dem Etui?“
„Insulin.“
„Aufmachen.“
Er tat es. Darin lagen ein Pen, zwei Nadeln und ein zusammengefalteter Zettel mit dem Namen seines Bruders. Der Junge mit den Kopfhörern zog die Musik vom Hals.
„Die sind alt“, sagte er. „Mein Onkel repariert so was.“
Die Erklärung war schlecht verpackt und deshalb glaubwürdiger als Nicos Sätze. Klara ließ sie gehen. Einer murmelte etwas, das sie nicht verstand. Auf der Bank blieb ein nasser Abdruck der Kühlbox zurück, rechteckig und klar.
Am Kassenhäuschen stand Herr Breuer neben dem Seitenfenster. Der weiße Keil steckte wieder im Rahmen. Nico zählte Eintrittskarten. Zwischen ihnen lag kein Gespräch, nur Routine.
„Schöner Betrieb heute“, sagte Breuer.
Nico nickte. „Zu schön.“
Klara trat näher. „Das Fenster sollte zu sein.“
Nico drehte sich zu ihr. „Ich mache es gleich zu.“
„Jetzt.“
Er nahm den Keil heraus. Seine Finger waren trocken. Er legte ihn auf den Tresen, schwarze Spur nach oben.
Breuer griff nach seinem Eistee. Die Gummikappe seines Stocks berührte kurz den Keil. Es gab kein Geräusch. Nur die beiden schwarzen Halbmonde passten aufeinander, als hätte jemand einen Stempel zweimal gesetzt.
Klara sagte nichts.
Sie wartete bis zum Abend. Um zwanzig Uhr schloss Nico die Kasse ab, rollte das Gitter herunter und ging mit seinem Rucksack zum Parkplatz. Herr Breuer faltete seinen Stuhl zusammen. Er brauchte dafür länger als nötig, als gehöre auch das Falten zu seinem Eintritt. Den Stock klemmte er unter den Arm. Der Becher Eistee landete im Müll, der nasse Ring blieb auf der Fliese.
„Bis morgen, Frau Klara.“
„Bis morgen.“
Er ging über den Parkplatz, vorbei an den Fahrrädern, vorbei an der Laterne, die noch nicht brannte. Sein Schritt hinkte nur, wenn jemand hinsah. Klara bemerkte es erst, als er am Tor stehen blieb und seine Mütze richtete. Dann lief er weiter, kleiner werdend zwischen den Autos.
Um halb zwölf kam Klara zurück.
Sie hatte den Schlüssel vom Technikraum und eine Taschenlampe. Das Freibad lag flach unter dem Himmel. Die Beckenplane bewegte sich kaum. In den Umkleiden hingen vergessene Handtücher wie abgezogene Häute an den Haken, aber Klara sah nicht lange hinein. Sie ging zum Kassenhäuschen.
Der weiße Keil lag hinter dem Drucker. Sie nahm ihn, öffnete das Seitenfenster und setzte ihn in den Rahmen. Zwei Finger Luft. Nicht mehr.
Dann stellte sie sich draußen an die Stelle, an der Breuers Stuhl immer stand. Von dort sah sie Nicos Rücken, wenn er Eintrittskarten ausgab. Sie sah den Metallschrank nur als graue Kante. Mit der Hand kam sie nicht hin. Mit einem Stock schon.
Klara holte die Rettungsstange vom Beckenrand. Sie schob den Haken durch den Spalt. Der erste Versuch kratzte am Fensterrahmen. Der zweite traf die Schranktür. Beim dritten zog sie einen leeren Wertbeutel vom unteren rechten Haken. Nummer 24. Der Beutel rutschte über den Boden des Häuschens, blieb am Keil hängen und kam durch den Spalt nach draußen.
Sie hielt ihn in der Hand.
Der Kunststoff war kalt von der Nacht. Am Rand klebte ein winziger schwarzer Abrieb, dort, wo der Haken ihn berührt hatte.
Mehr hatte sie nicht. Einen Keil. Eine Spur. Eine Reihe gerader Nummern. Einen alten Mann, den alle sahen und keiner betrachtete. Nico hatte gelogen, aber seine Lüge deckte nur die Hitze ab, den Durchzug, die kleine Bequemlichkeit, die das System öffnete. Für die Polizei blieb daraus eine Möglichkeit. Möglichkeiten füllen keine Akte.
Am nächsten Morgen stellte Klara die Liegen nicht gerade. Sie ließ zwei schief stehen und beobachtete, wer sie bemerkte. Niemand tat es.
Um halb zehn kam Herr Breuer durch das Drehkreuz. Nico riss die Karte ab und wünschte ihm einen schönen Tag. Breuer hob den Hut. In seiner anderen Hand trug er den schwarzen Stock. Die Gummikappe sah neu aus.
„Heute wieder voll“, sagte Nico zu Klara, als sie am Kassenhäuschen vorbeiging.
„Heute bleibt das Seitenfenster zu.“
„Natürlich“, sagte er. Das Wort kam wieder zu glatt.
Herr Breuer setzte seinen Stuhl nicht unter das Vordach. Er trug ihn an den Beckenrand, genau dorthin, wo Klara den Sprungbereich überblickte. Drei Meter neben ihr klappte er ihn auf. Das Segelboot-Handtuch legte er über die Lehne. Den Stock stellte er zwischen seine Knie.
Klara hielt die Trillerpfeife in der Faust. Vor ihr schlug ein Kind mit beiden Händen aufs Wasser. Hinter ihr schrien zwei Frauen nach einem freien Platz. Neben ihr saß Breuer im weißen Hut und sah auf das Becken, als hätte er nie etwas anderes getan.
Am Ende des Stocks glänzte eine neue schwarze Kappe. Darunter, auf der hellen Fliese, blieb kein Abdruck.




