Sommerfest ohne Strom
Nele saß auf der untersten Gartentreppe und drückte beide Fäuste zwischen die Knie.
Auf der Straße standen Leute vor ihren Häusern. Niemand schaltete Musik an. Die bunten Lampions, die Papa am Zaun aufgehängt hatte, hingen wie leere Becher im heißen Abend.
„Der Strom ist in der ganzen Straße weg“, sagte Mama vom Küchenfenster. „Das Sommerfest im Park fällt aus.“
Nele zog die Schultern hoch. Ganz eng. Als könnte sie darin verschwinden.
„Aber ich hab meine Glitzersteine auf die Sandalen geklebt“, murmelte sie.
„Ich weiß.“ Mama sagte es leise.
Vom Gartentor kam ein Klappern.
Ben schob sein Fahrrad halb herein. Am Lenker baumelte ein leerer Eimer.
„Ist das Fest schon kaputt?“, fragte er.
Nele sah nicht hin. „Geh weg.“
Ben blieb mit einem Fuß im Kies stehen. „Okay.“
Er ging nicht.
Eine Weile kratzte nur sein Fahrradständer über den Boden.
„Ich hab auch Schuhe an“, sagte Ben.
Nele schaute kurz. Seine Turnschuhe waren verschieden: einer blau, einer rot.
„Das zählt nicht.“
„Doch. Festschuhe.“
„Du machst alles doof.“
Ben nickte, als hätte sie ihm eine Aufgabe gegeben. Dann stellte er den Eimer neben die Treppe. „Dann mach ich es anders doof.“
Nele schob den Eimer mit der Zehenspitze weg. Nicht weit. Nur so, dass er nicht mehr direkt neben ihr stand.
Ben hob ihn wieder auf.
„Was soll das werden?“
„Ein Trommel.“
„Eine Trommel.“
„Dann eben eine richtige.“ Er drehte den Eimer um und klopfte mit zwei Stöcken darauf. Es klang dünn und krumm.
Nele presste die Lippen zusammen. Das Lachen aus dem Nachbarsgarten kam ihr viel zu laut vor, obwohl dort nur Herr Yilmaz mit Frau Schulze redete.
„Hör auf“, sagte sie.
Ben hörte auf. Sofort.
Das war schlimmer.
Nele zog mit dem Finger eine Linie in den Staub der Treppenstufe. „Im Park gäbe es Kuchen.“
Ben schaute zum Küchentisch hinter dem Fenster. Dort stand der Kuchen, den Mama nicht anschneiden wollte, weil die Sahne ohne Kühlschrank zu weich wurde.
„Wir haben Wassermelone“, sagte er.
„Wassermelone ist kein Kuchen.“
„Wenn man sie dreieckig schneidet, schon fast.“
„Kuchen hat Kerzen.“
Ben griff in seine Hosentasche und zog eine kleine Taschenlampe heraus. „Die kann oben drauf liegen.“
Nele sah die Taschenlampe an. Sie war verkratzt. Auf der Seite klebte ein Pflaster.
„Warum hat deine Lampe ein Pflaster?“
„Weil sie mal runtergefallen ist und ich nicht wollte, dass sie traurig aussieht.“
Nele schnaufte. Es war kein richtiges Lachen, aber ihre Schultern wurden ein Stück niedriger.
Ben stellte die Lampe auf die Treppe, ohne sie einzuschalten. „Wenn du nicht willst, machen wir nichts.“
Er setzte sich auf die Kante der Regentonne, obwohl sie wackelte.
Nele sah weg. Nach einem Moment schob sie ihm mit dem Fuß den Eimer zu.
„Nicht so laut.“
Ben nahm nur einen Stock.
„So?“
„Noch weniger.“
Er tippte den Eimer an, kaum hörbar.
„Das ist ja gar nichts.“
„Du bist schwierig.“
„Du bist laut.“
„Heute nicht.“
Nele stand auf. Ihre Knie hatten rote Abdrücke von ihren Fäusten.
„Wenn wir ein Fest machen, braucht man Eintritt.“
Ben sprang von der Tonne. „Ich mach Karten.“
„Du malst krumm.“
„Dann sind es Geheimkarten.“
Sie holten alte Briefumschläge aus der Küchenschublade. Ben riss sie in Stücke. Nele schrieb mit dickem Stift darauf: GARTENFEST. Bei einem schrieb sie aus Versehen GARTENFESTT.
Ben zeigte darauf. „Das ist für sehr wichtige Leute.“
Nele legte es oben auf den Stapel.
Auf der Straße war es noch immer ohne Licht. Die Häuser sahen mit offenen Türen ein bisschen so aus, als würden sie lauschen. Nele ging bis zum Gartentor, blieb aber innen stehen.
„Du kannst fragen“, sagte sie.
Ben war schon halb draußen. Dann drehte er um und nahm zwei Karten.
„Du auch.“
„Ich muss hier aufpassen.“
„Auf was?“
„Auf das Fest.“
Ben hielt ihr die Karte hin, bis sie sie nahm.
Sie gingen nebeneinander zur Nachbartür. Ben klingelte nicht, weil die Klingel ohne Strom tot war. Er klopfte mit der Karte an den Rahmen.
„Eintritt“, sagte er zu Herrn Yilmaz.
„Wohin?“
Nele räusperte sich. „In unseren Garten. Es gibt fast Kuchen.“
Frau Schulze kam mit einem Fächer aus Zeitung. „Fast Kuchen mag ich.“
Ben flüsterte: „Sag auch die Lampe.“
Nele stieß ihn mit dem Ellenbogen an. „Es gibt Licht. Kleines.“
Nach und nach kamen drei Kinder aus der Straße, Frau Schulze, Herr Yilmaz und Mamas Freundin mit einem Baby auf dem Arm. Niemand brachte Musik mit. Dafür brachte Herr Yilmaz eine Schüssel Gurkenscheiben, Frau Schulze Wäscheklammern, und das kleine Baby brachte ein ernstes Gesicht.
Im Garten legte Nele Decken auf den Rasen. Ben legte sie erst schief, dann noch schiefer.
„So stolpert man“, sagte Nele.
„Das ist ein Spiel.“
„Nein.“
Ben zog die Decke gerade. „Jetzt ist es ein langweiliges Spiel.“
Nele holte die Wassermelone. Mama schnitt dicke Dreiecke. Saft tropfte auf den Teller, und alle bekamen rote Finger.
„Ich wollte Schokokuchen“, sagte Nele zu ihrem Stück.
Ben biss in seines. „Ich auch.“
Er nahm das größte Stück nicht. Er drehte den Teller zu Nele, als würde er nur Platz machen.
Sie nahm es nicht. Dann brach sie die Spitze ab und legte sie auf seinen Teller.
„Die ist am kältesten“, sagte sie.
„Stimmt gar nicht.“
„Dann gib zurück.“
Ben steckte die Spitze schnell in den Mund.
Als es dunkler wurde, stellte Ben seine Taschenlampe in ein leeres Marmeladenglas. Nele band mit den Wäscheklammern Butterbrotpapier darum. Das Licht wurde weich und fleckig.
„Sieht aus wie eine kranke Lichterkette“, sagte Ben.
„Eine sehr wichtige“, sagte Nele.
Sie hängten das Glas mit Bindfaden an den Apfelbaum, nicht hoch, weil keiner die Leiter holen wollte. Darunter stellte Nele den umgedrehten Eimer.
„Bühne“, sagte sie.
„Für wen?“
„Für dich. Du wolltest doch trommeln.“
Ben schaute auf die Leute. Dann auf den Eimer. „Ich muss erst die Bühne prüfen.“
Er stellte einen Fuß darauf. Der Eimer knickte ein wenig.
Alle lachten. Diesmal klang es nicht zu laut.
Nele klopfte mit einem Löffel an ein Glas. „Programm eins: Ben fällt nicht runter.“
„Programm zwei: Nele sagt nicht dauernd Programm.“
„Programm drei: Melonenkern-Weitspucken.“
„Das ist eklig“, sagte Frau Schulze.
„Nur für Kinder“, sagte Ben.
„Und für sehr wichtige Leute“, fügte Nele hinzu und gab Frau Schulze die Karte mit dem doppelten T.
Frau Schulze steckte sie in ihre Bluse wie eine Medaille.
Sie spuckten Kerne in Richtung Blumenbeet. Manche flogen weit. Manche klebten am Kinn. Ben traf fast die Gießkanne.
„Absichtlich daneben“, sagte er.
„Klar“, sagte Nele.
Sie stellte die Gießkanne näher zu ihm.
Später saßen sie im Gras. Die Erwachsenen redeten leise. Die Kinder bauten aus Wäscheklammern eine winzige Brücke zwischen zwei Schuhen. Ben hielt die eine Seite fest, obwohl sein Arm zitterte.
„Lass los“, sagte Nele.
„Dann fällt sie.“
„Ich hab sie.“
Er ließ nicht los.
Nele legte ihre Hand unter die Brücke, genau dort, wo sie brechen würde.
Ben nahm die Finger weg.
Die Brücke hielt drei Atemzüge. Dann fiel sie doch.
„War Absicht“, sagte Nele.
„Sehr gute Absicht.“
Da gingen in der Straße die Fenster hell an. Erst eins, dann mehrere. Aus einem Haus piepte ein Gerät. Irgendwo sprang ein Radio an und wurde schnell wieder ausgeschaltet.
„Strom ist wieder da!“, rief jemand.
Mama stand in der Terrassentür. „Wer möchte rein? Der Kuchen hat überlebt.“
Nele sah zu Ben. Ben sah zum Marmeladenglas im Apfelbaum. Die kleine Taschenlampe flackerte ein bisschen, hielt aber durch.
„Später“, sagte Nele.
„Nach Programm vier“, sagte Ben.
„Was ist Programm vier?“
Ben zuckte mit den Schultern. Nele schob ihm den Löffel hin.
Unter dem niedrigen Glaslicht lagen zwei verschiedene Turnschuhe und zwei Sandalen mit Glitzersteinen nebeneinander im Gras.




