Das Nest, das keiner alleine fertigmacht
Unter Mias rechten Ellbogen klebt ein Fetzen Bastelkarton am Tisch. Die Schere liegt quer über einer Packung Buntstifte, als hätte sie entschieden nicht mehr weiterzuschneiden. Jonas wickelt einen Wollfaden so fest um die Finger, dass sie rot anlaufen. Lea steht ganz nah an der Heizung, sie drückt sich die Fersen abwechselnd auf den warmen Gitterstab und tut so, als müsse sie eigentlich noch was holen.
Mias Papa ruft aus dem Wohnzimmer: “Nicht vergessen, die Schokolade muss noch versteckt werden!” Niemand antwortet. Nur Jonas’ Kichern, leise, fast wie ein Unfall. Dann macht Mia mit der Schere einen Schnitt. Es ist der falsche. Der Rand des Eierkartons sieht jetzt aus wie ein abgebrochener Schneidezahn.
Lea sagt: “Meins reißt dauernd ein. Man kann das gar nicht… Also eigentlich klebt der Kleber nicht.” Sie schaut durch Mias Haar auf den Teppich, als wär es ihre Schuld, dass der gar kein Muster hat. Jonas sagt: “Weil du zu viel nimmst. Du brauchst nur ganz… äh. Schau, so.” Aber die Papprolle, die er anheben will, bleibt am Ellbogen fest und bremst. Jonas lässt sie fallen. Der Faden wirft eine kleine Kurve auf die Bastelunterlage und springt fast bis in den Becher Wasser.
Mia steht auf. Mit einer Hand zieht sie am T-Shirt. “Ich hol die Nester von letztem Jahr, oder?” fragt sie, aber Jonas sagt schon gleichzeitig: “Nee, wir machen neue!”
Lea sagt: “Will jemand die Glitzersteine?” Aber sie hält die Dose fest auf dem Schoß, als wäre es nicht so gemeint. Dann schiebt sie die Dose zu weit, und zwei Steine kullern aufs Laminat.
Sie bückten sich alle, aber keiner erwischt die Steine. Mia bleibt auf den Knien sitzen. Lea pustet die Haare aus der Stirn. „Wieso wird das bei mir so platt? Bei euch steht das doch irgendwie.“ Jonas verdreht die Finger, zieht ein bisschen an einem Stück Gras, das jetzt nicht mehr am Korb sondern an seiner Hose klebt.
Mia: “Vielleicht muss man von unten drücken, nicht von oben.”
Jonas: “Du hast gesagt, nur kleben reicht. Aber es fällt immer wieder ab.”
Lea: “Ich find die Farbe doof. Mach ich’s zu grün?”
Die Pause ist zu lang, der Kleber tropft langsam vom Deckel, Jonas schiebt die Schachtel mit den Eiern von sich weg. Das Ei rollt, klackert gegen den Basteltisch. Mia fängt es halb auf, ihre Hände zittern ein wenig. Lea zupft am Saum ihrer Jacke, sagt nichts, sieht auf das Loch, das neben ihrer Socke im Teppich ist, als ob es das erklären könnte.
„Ich hab’s jetzt festgedrückt. Vielleicht hält es bei dir auch, Lea?“, murmelt Mia und hält das Nest ein bisschen weiter von sich weg, so dass es fast aussieht, als schiebe sie es zu Lea hinüber. Lea macht einen winzigen Schritt vor, dann einen halben zurück, ihre Zehen stehen dicht aneinander. Aber sie nimmt das Nest, die Finger aneinandergepresst.
Jonas sagt laut: “Gib mal die Glitzer!” – aber als Lea nicht reagiert, greift er nach dem Klebestift und schmiert versehentlich seinen Ärmel ein. Er zieht ihn sofort weg, stoppt und guckt Mia an. Die sagt: “Macht ja nichts, kann man was drüberkleben.” Jonas’ Wangen werden rot, er pult ein Stück Fluse vom Papier und wirft sie unter den Tisch.
Lea hängt einen Bastelschmetterling ans Nest. Niemand sagt, ob er schief hängt. Dafür hält Mia das Nest etwas schräg, als wolle sie sehen, ob jetzt was runterfällt. Jonas bleibt stehen, legt beide Arme auf den Tisch, das Fadengewusel verknotet über den Fingern.
Mia kickt leise gegen einen Pappteller, der an ihren Fuß gerutscht ist. „Guck mal, das ist jetzt fast wie bei Jonas’ von letztem Jahr“, sagt sie so leise, dass es fast wie ein Versehen klingt. Jonas sieht stur auf den Wollfaden. Dann schiebt er ein Stück Gras ins Nest von Lea.
Wieder eine Pause, in der nur der Kleberdeckel ploppt. Lea legt die Glitzersteine auf das Gras, Mia nimmt ein Papierküken und stopft es zu tief ins Plastenei. Jonas bückt sich, um etwas aufzuheben, das dann doch kein Teil vom Bastelzeug ist.
Sie sitzen eine Weile, jeder so, dass seine Ellbogen den anderen fast berühren, aber keiner richtig. Im Nest stecken Glitzer, Gras, Papier, alles ein bisschen schief, ein bisschen falsch. Die Sonne rutscht ein Stück weiter aufs Laminat.
Die drei sitzen nebeneinander am Tisch, keiner geht. Die Nester stehen zwischen ihnen, mitten im Kleber und Papier und Wolle.




