Die Farben, die im Sonnenlicht verschwinden
Ein feuchtes Knacken, ganz leise, wie kalte Blätter unter nackten Füßen. So war es auf der Mondwiese, bevor du sie siehst. Die Luft roch nach nassem Stein, nicht ganz sauber, eher wie eine Pfütze zwischen alten Blumen. Nora tappte hinterher, Spuren im taunassen Gras verschwanden sofort, als hätte es sie nie gegeben.
Der Boden war weich, alles fühlte sich kälter an als zu Hause. Mit jedem Schritt wurden die Strümpfe schwerer. Noras Finger, ineinandergeschlungen, wollten das Weiche unter den Händen berühren und doch nicht. Da, im schwachen Glanz von oben, lief etwas Silbernes: Fee Lumi, kleiner als eine Hand, aber mit Schultern, die mächtig wirkten. Ihre Flügel warfen einen Schatten, der die falsche Farbe hatte, ein fast grünes Grau.
Lumi drehte sich nicht gleich um, sondern blies gegen die Tautropfen am Wiesenrand. Es summte leise, tief und vibrierend, als hätte jemand unter der Erde einen großen Gong angeschlagen. Plötzlich lag der Tau wie eine zweite Haut auf Noras Fersen und kribbelte so sehr, dass Nora den Atem vergaß und die Lippen aufeinander presste. Das Gras roch schärfer, nach Sonnenaufgang, obwohl es noch mitten in der Nacht war.
Lumi lachte nicht, sondern kicherte wie ein winziges Tier hinter einer Wurzel. “Bring sie,” flüsterte sie, obwohl niemand außer Nora da war. “Nur die, die noch kalt sind.”
Nora kramte die Eier aus ihrer Manteltasche. Sie waren glatt, noch ein bisschen rau von der Wärme der Hühner. Ein schnelles Zucken ging durch Lumis Finger, als sie ein Blatt Moos zwischen ei und Hand drückte. “Nichts ohne Tau,” sagte die Fee und rollte das Ei in ihren Handflächen hin und her. Überall, wo der Tau das Ei berührte, blieb ein Schimmer zurück, den die Augen kaum fassen wollten.
“Jetzt das Mondlicht – hinhören!” Lumi klopfte gegen einen Pilzhut, und es machte ping, als hätte jemand weit weg einen Tropfen Glas fallen lassen. Das Licht, das von oben fiel, sammelte sich auf ihrer Haut. Es war nicht hell, sondern fühlte sich an wie ein kalter Windstoß. Nora schloss die Augen für einen Herzschlag, weil ihr Nacken überlief wie feines Wasser.
Die Eier in der Wiese wurden schwerer, jedes einzelne wurde von Tau und Licht umwoben. Es roch nach nassem Metall und etwas Süßem, das an verbrannten Zucker erinnerte. Die Finger wurden taub, so als hätte Nora zu lange auf kaltem Stein gelegen, und das Zittern wollte nicht fort.
Lumi nahm das gefärbte Ei und hob es vorsichtig ins Gras. Ihre Stimme war dünn, aber scharf, wie das Knistern von gefrorenem Laub: “Siehst du es jetzt? Nur jetzt. Am Morgen, weg.” Nora kniete sich hin, spürte, wie der Dunst von ihren Knien aufstieg und an den Haaren klebte. Das Ei leuchtete nicht. Es brannte nicht. Es war still, und dennoch gab es ein Wispern, so tief, dass es eher im Bauch als in den Ohren vibrierte.
Die Farben waren wie Nebel am Waldrand, durchsichtig und doch überall. Manche wirkten warm, andere verloren sich schon beim zweiten Blinzeln. Jedes Ei verwandelte sich ein bisschen anders. Wenn Nora ein Ei mit der Zungenspitze anstupste, schmeckte es salzig und ein wenig nach Moos.
Aber jedes Mal, wenn Lumi das Licht neu sammelte, schien sie kleiner zu werden. Ihr Rücken war krumm, und sie schwankte beim Sitzen wie ein alter Ast im Wind. Nora spürte, wie ihre eigenen Augenlider schwer wurden. Ein Prickeln kroch von den Fingern bis in die Unterarme, langsam wie warmer Honig.
Am Ende blieben sieben Eier, jedes in einer Farbe, die es nur dort auf dem Tau gab, auf der Mondwiese. Lumi wischte sich über die Stirn, der Flügel hing schief. Der Geruch nach süßem Metall blieb Nora noch auf der Zunge, stärker als alles andere.
Nora sammelte die Eier ein. Der Weg zurück durch den Feenwald dauerte viel länger als zuvor. Die Wurzeln waren dicker, der Tau glitt nicht mehr so frisch über die Knöchel. Nur unter Noras Nägeln blieb ein schimmernder Fleck, der morgen im Sonnenlicht verschwinden würde.
Auf der Fensterbank daheim stand eine Tasse mit Moos. In ihr lagen die Eier, still und ungeheuer zart. Die Nacht draußen bewegte sich ein wenig, als hätte sie einen anderen Atem erhalten.




